Man at sunset relaxing with meditation
18.08.2017

Arbeitsstress

Arbeitsstress: Warum Unternehmer sich Urlaub nehmen sollten

Laut einer Studie kann mangelnder Urlaub zu höherer Sterblichkeit führen. Trotzdem spielt das Thema Urlaub bei vielen Unternehmern und Selbstständigen kaum eine Rolle. Zu oft verzichten sie auf die Auszeit vom Firmenalltag. Warum ist das so? Welche gesundheitlichen Risiken gehen sie damit ein? Und wie können Unternehmer Arbeit und Leben besser miteinander vereinbaren? Die Arbeitspsychologin Carmen Binnewies weiß es.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Arbeitsverdichtung derart gestiegen ist, dass Urlaub eigentlich als notwendig empfunden werden sollte. Trotzdem verzichten gerade Selbstständige und Existenzgründer darauf. Aus welchen Gründen? „Subjektiv empfindet man Urlaub eventuell als verlorengegangene Arbeitszeit. Gerade in Zeiten hoher Anforderungen und enger Deadlines gönnt man sich keine Auszeit, um seine Arbeit möglichst gut zu bewältigen“, sagt Carmen Binnewies.

Die 35-Jährige ist promovierte Arbeitspsychologin und Leiterin des Lehrstuhls für Arbeitspsychologie an der Universität Münster. Ihr Forschungsschwerpunkt: Der Einfluss von Stress auf unsere Arbeit und wie wir ihn bewältigen können. „Dass ausreichende Erholung wichtig ist, um konzentriert und leistungsfähig zu bleiben, ist für die meisten allgemein nachvollziehbar, aber dennoch schwer für sich umzusetzen“, so die Wissenschaftlerin. Sie vermutet, dass Selbstständige befürchten, Kunden könnten negativ auf Nichterreichbarkeit reagieren. „Zudem“, sagt Binnwies, „ist es bei zunehmender Erschöpfung oft die erste Strategie, mehr und länger zu arbeiten, um trotzdem allen Anforderungen gerecht zu werden.“ Die Folge: Wir verschieben den Urlaub auf die Zeit nach dem Projekt. Aber dann beginnt meist schon das nächste Vorhaben, sodass die Auszeit wieder auf der Strecke bleibt.

Richtiger Zeitpunkt für Urlaub ist entscheidend

Zunächst ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt für den Urlaub herauszufinden. Der ist laut Binnewies gekommen, bevor man das Gefühl hat, eine Pause zu brauchen. „Paradoxerweise profitiert man umso stärker vom Urlaub, je fitter man ist. Wenn man vor dem Urlaub schon erschöpft ist, hat man weniger Kraft und Energie, sich zu erholungsförderlichen Aktivitäten wie Sport oder Ausflügen aufzuraffen.“ Anders ausgedrückt: Da Erholung auch ein gewisses Maß an Anstrengung erfordert, wird Erholung bei zunehmender Erschöpfung immer schwieriger, obwohl man gerade dann besonders viel davon benötigt.

Dass man den richtigen Zeitpunkt für einen Urlaub bereits überschritten hat, signalisiert unser Körper in aller Deutlichkeit: Wir fühlen uns müde, erschöpft und gereizt. Unsere Arbeitsmotivation sinkt und es gibt einen zunehmenden Widerstand weiterzuarbeiten. Sprich: ein erhöhtes Erholungsbedürfnis. Skandinavische Forscher haben untersucht, was passieren kann, wenn wir die Erschöpfungssignale unseres Körpers ignorieren und stattdessen weiterarbeiten. Ihr Ergebnis: Mangelnder Urlaub kann zu einer höheren Sterblichkeit führen. Dies gelte insbesondere für Personen, die bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden.

Vor dem Urlaub: So sollte der letzte Arbeitstag aussehen

Neben dem richtigen Urlaubszeitpunkt ist auch entscheidend, wie wir den letzten Arbeitstag vor dem Urlaub gestalten. Binnewies: „Soweit planbar, sollte viel Arbeitsstress möglichst vermieden werden. Das heißt, der letzte Tag sollte nicht voll mit Terminen sein, Absprachen sollten lieber schon in der Woche zuvor getroffen werden.“ Sofern man verreist, empfiehlt die Expertin, auch den Hauptreisezeiten aus dem Weg zu gehen. Aber da wir nicht immer alles planen können, sei es wichtig, ein Stück weit mit unvorhergesehenen Problemen wie einem Stau oder dem verspäteten Ferienflieger zu rechnen und das Beste aus der Situation zu machen. „Unsere eigene Bewertung der Situation hat einen großen Anteil daran, wie stressig ich etwas empfinde.“

Segeln, Radeln, Thai Boxen: So verbringen die Top-Chefs ihren Urlaub

Wo XING-Vorstandschef Thomas Vollmoeller in diesem Sommer seinen Urlaub verbringt, können wir leider nicht sagen. Allerdings wissen wir, dass er sich Ende 2016 in ein dreimonatiges Sabbatical verabschiedete.

Die Outfittery-Gründerin fliegt gerne nach Mykonos zum urlauben. Und das meist mit jeder Menge Bücher. Ob als eBook oder in gedruckter Form, wissen wir allerdings nicht.

Unternehmer Thilo Mühle, Chef von Mühle-Glashütte, ist seiner Urlaubszeit oft in den Alpen unterwegs – und das am liebsten mit seinem Fahrrad.

Für Microsoft-Mitgründer Paul Allen ist Radfahren zu banal. Viel lieber ist er mit seiner 126 Meter-Yacht „Octopus“ auf den Weltmeeren unterwegs, vorzugsweise in der Karibik.

Der Chef des gleichnamigen Unterwäschekonzerns mag es im Urlaub sportlich. Im Winter geht May meist Skifahren, im Sommer begeistert er sich für Muay Thai.

Im Urlaub hält Opel-Chef Karl-Thomas Neumann nichts von automobiler Power. Er geht viel lieber Segeln vor der schwedischen Westküste.

Zufriedenheit das Wichtigste

Wissenschaftlich betrachtet gibt es bisher keine eindeutigen Befunde darüber, wie viele Stunden oder Tage wir benötigen, bis wir den Arbeitsalltag im Urlaub spürbar abgelegt haben. Entscheidend ist laut Binnewies, dass man die Arbeit überhaupt gedanklich hinter sich lassen kann. Wie einem das am besten gelingt, sei individuell verschieden, weiß die Professorin: „Für manche ist eine Ortsveränderung hilfreich, für andere ist körperliche Aktivität gut. Wieder andere können sehr gut im eigenen Garten abschalten.“ Wissenschaftlich belegbare Fakten kann die Expertin berichten, wenn es um die Frage geht, was das Wichtigste an einem Urlaub ist. „Es mag simpel klingen, aber am wichtigsten ist, dass man zufrieden mit seinem Urlaub ist. Gerade bei einem Urlaub mit dem Partner oder der Familie ist es wichtig, dass jeder ein Stück weit seine Vorlieben verwirklichen kann.“

Kurze Urlaube sinnvoller

Bisher gibt es in der Wissenschaft nur begrenzte Daten darüber, ob nun mehrere kurze Urlaube erholsamer sind oder eine lange Auszeit. Jedoch zeigen aktuelle Untersuchungen, dass die Länge für die Wirksamkeit eines Urlaubs – also wie lange wir nach einem Urlaub erholt sind – keine Rolle spielt. Nach Binnewies wäre es demnach sinnvoller, kürzer, aber dafür öfter Urlaub zu nehmen. Ob Aktivurlaub oder Städtetrip, Entspannung am Strand oder in den Bergen ist dabei jedem selbst überlassen. Eine Notwendigkeit aber gibt es: Nach dem Urlaub sollten wir versuchen, möglichst stressfrei wieder zu starten, indem wir vielleicht ein paar Termine weniger planen. Außerdem ist die tägliche Dosis Erholung nach der Auszeit – und hier insbesondere Enstpannung – ein Faktor, der unseren Urlaubseffekt ein Stück weit verlängern kann. Abschließender Tipp der Arbeitsforscherin: „Planen Sie für die ersten beiden Wochen bewusst kleine Auszeiten ein, sodass Sie möglichst lange etwas von ihrem Urlaub haben.“

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