Bargeldlose Gesellschaft
26.02.2015
Serie

Bargeldlose Gesellschaft

Eine Zukunft ohne Bargeld?

Das heute allseits akzeptierte Papiergeld ist nüchtern betrachtet nichts weiter als ein Symbol, dem wir die Funktion von Geld zugewiesen haben. Diese Übereinkunft hat sich seit dem 17. Jahrhundert in Europa verbreitet. Doch warum noch Scheine über die Ladentheke schieben, wenn sich Bezahlungen auch bequem und diebstahlsicher in Bits und Bytes erledigen lassen? Könnte das Symbol „Papier“ nicht gegen einen anderen, zeitgemäßen Statthalter eingetauscht werden? Für die Befürworter einer bargeldlosen Gesellschaft ist das Papiergeld längst ein Anachronismus. Bereits in den 1990er Jahren sind in Deutschland nur noch fünf Prozent aller Transaktionen in bar erledigt worden. Doch im Alltag – im Supermarkt oder Restaurant – hängen die Deutschen am Bargeld. Laut einer Studie der Bundesbank von 2012 wurden 80 Prozent aller Einkäufe im Einzelhandel in bar abgewickelt. Dennoch befindet sich das haptische Geld auf dem Rückzug. Nicht zuletzt unser Konsumverhalten, bei dem bargeldlose Käufe im Internet stetig zunehmen, katalysiert diese Entwicklung. In diesem Blogbeitrag beleuchten wir daher die Zukunftsvision einer bargeldlosen Gesellschaft.

Der Vorbehalt der Deutschen gegenüber neuen Zahlungsmitteln hat Tradition: Später als ihre europäischen Nachbarn gaben deutsche Banken Papiergeld aus. Und 1885 beispielsweise, als in den USA und Großbritannien Schecks schon längst zum Alltag gehörten, lehnte der Deutsche Sparkassenverband die Einführung der Zahlungsträger ab. Heute, bei den neuen elektronischen Zahlungsmethoden, verhält es sich nicht anders. Und das, obwohl Bargeld durchaus Nachteile hat: Produktion, Transport und Aufbewahrung sind aufwändig und kostspielig. Ohne Bargeld wäre es für die Politik viel leichter, in Zeiten wirtschaftlicher Krisen die Kontrolle über das Geldsystem zu behalten. Niemand könnte mehr Bargeld horten und volkswirtschaftliche Maßnahmen wie Negativzinsen könnten effektiv eingesetzt werden. Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Raubüberfälle könnten ebenfalls eingedämmt werden. Denn der kriminelle Geldfluss – der eines gewissen Maßes an Anonymität bedarf – ist nur mit Bargeld möglich. Doch genau diese Transparenz ruft auch Kritiker auf den Plan: Das Konsumverhalten aller wäre damit nachvollziehbar und würde eine Überwachung durch staatliche Organe wie Geheimdienste erleichtern. Eine bargeldlose Gesellschaft ist also nur mit funktionierenden, demokratischen Strukturen denkbar.

Wie viel "Bank" steckt in Google, Apple, Facebook & Co.?

Neben EC- oder Kreditkarte gibt es schon heute eine Vielzahl an Möglichkeiten, bargeldlos zu zahlen. Internetkonzerne wie Google, Apple, Twitter, Amazon und Facebook wollen in das Geschäft einsteigen und lancieren ihre eigenen Bezahldienste. Marktanteile erhoffen sich die „Big Five“ nicht nur von den Banken- und Kreditkartengesellschaften, sondern vor allem von Paypal, dem Pionier auf dem Gebiet der Online-Bezahldienste und mit einem Transaktionsvolumen von knapp 228 Milliarden Dollar im Jahr 2014 absoluter Spitzenreiter. Hinzu kommen unzählige kleinere App-Anbieter und die Mobilfunkgesellschaften. Mit ihrem Image und ihrer weltweiten Verbreitung könnte es den großen Konzernen gelingen, das Konsumverhalten der Kunden dauerhaft zu ändern und sogar Kredit- und EC-Karten ihren „Ruhesitz“ in der Geschichte der Zahlungsmittel zuzuweisen. Sämtliche Zahlungsvorgängeob im Online-Handel oder am Zeitungskioskkönnten dann mit dem Smartphone, einer Smartwatch oder gar per Fingerabdruck erledigt werden. Der Wettlauf der Bezahlanbieter auf die Kassen rund um den Globus hat bereits begonnen. Welche Technologie sich letztlich durchsetzt, wird die Zeit zeigen und nicht zuletzt durch die Konsumenten entschieden.

Die Digitalisierung ist damit für die Banken- und Kreditkartenbranche zur größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts geworden. „Wir müssen in anderen, wesentlich schnelleren Geschwindigkeiten denken und handeln. Diese Markteinsteiger haben ein ganz anderes Verständnis für ‚time-to-market‘. Daran müssen wir uns messen lassen“, kommentiert Peter Buschbeck, Privatkundenvorstand der HypoVereinsbank, die neuesten Entwicklungen.

Bargeldlose Realität: "Swishen" in Schweden

Trotz der rasanten Entwicklungen ist die bargeldlose Gesellschaft in Deutschland noch eine Utopie, wie der Selbstversuch von Sebastian Kirsch in der Wirtschaftswoche zeigt. „In anderen Ländern, zum Beispiel in Schweden und Dänemark, gibt es bereits Real-time-Zahlmöglichkeiten mit sofortigen Geldzufluss auf dem Bankenkonto via Smartphone und App. Doch diese Systeme funktionieren nur auf nationaler Ebene“, erklärt Corinna Lauer, Expertin in der Produktentwicklung im Bereich Payments bei der HypoVereinsbank. Wie schon beim Papiergeld, hat Schweden in puncto innovative Zahlungsmedien die Nase vorn. Hier ist die bargeldlose Gesellschaft bereits ein Stück weit Wirklichkeit geworden. Ob das Brötchen beim Bäcker, das Bier in der Bar, ein Fahrrad auf dem Flohmarkt oder die Sitzung auf dem stillen Örtchen – bargeldloses Bezahlen gehört in Schweden zum Alltag. Möglich machen dies eine breite Akzeptanz von Kredit- und EC-Karten sowie die App „Swish“, mit der – ähnlich wie bei Paypal – Geld von einem Nutzer zum nächsten transferiert werden kann. Sogar eine Stockholmer Obdachlosen-Zeitung kann „geswisht“ werden, wie die Schweden sagen. Auch die Auffassung, dass ein Leben ohne Bargeld die Zukunft sein wird, ist in Schweden weitestgehend Konsens. Niklas Arvidson, Dozent an der Königlich Technischen Hochschule KTH und Autor des Buches „Die bargeldlose Gesellschaft“ schätzte in einem Interview mit Brandeins, dass sich Bargeld bis zum Jahr 2030 überholt haben werde.

Der europäische Weg: Eine Gesellschaft ohne Bargeld?

Doch wie begegnet man der Zukunft im Euro-Raum? Eine gesamteuropäische Lösung, die bargeldlose Zahlungen so einfach wie in Schweden macht, soll her. „Die Europäische Zentralbank hat eine Initiative angestoßen, ein einheitliches, europäisches Real-time-Zahlungssystem zu entwickeln. Kurzfristig sollen die Banken zusammen mit der Anbieterseite einen Vorschlag liefern. Es gilt, viele Detailfragen zu klären. Zum Beispiel, wie nach dem Verschicken der Zahlung über die App die Zahlung garantiert werden kann. Vorhandene Lösungen laufen derzeit häufig mit Hinterlegung der Kreditkarte. Ziel soll aber die direkte Verbuchung auf dem Bankenkonto und der damit verbundene Geldzufluss sein“, weiß Corinna Lauer.

In Deutschland gibt es bereits 45.000 Akzeptanzstellen für das kontaktlose Bezahlen mit einer mit NFC-Technologie ausgestatteten Kreditkarte. Mastercard und Visa setzen auf diese Technik und rollen sie immer weiter aus. Die Zukunft des Bezahlens wird also sicherlich von bargeldlosen Methoden bestimmt sein. Doch ob es eine Welt ganz ohne Scheine und Münzen in absehbarer Zeit tatsächlich geben wird, bleibt offen.

So funktioniert die kontaktlose MasterCard

  1. Landsmann
    9. März 2016, 11:49

    Alle Menschen die auf Bargeld nicht verzichten möchten werden schon jetzt unter kriminellen Generalverdacht gestellt.
    Ich möchte Unabhängigkeit!!!

  2. Pegall
    7. Oktober 2015, 10:51

    Eine Währungsreform, die in jedem Jahrhundert mindestens ein Mal ansteht und bei der die gesamten Ersparnisse der Bevölkerung vernichtet werden ist so noch problemloser machbar. Der gläserne Bürger ohne Privatsphäre ist bereits jetzt fast Realität. Die Konsummaschine muß laufen ! Die Banken brauchen diese Möglichkeit des Negativzinses bei den niedrigen Zinsen, die auch aufgrund der Staatsschulden nie mehr richtig steigen werden.

  3. Reschke
    22. September 2015, 19:55

    bargeldlos – Horrorvision,
    Geld muß bei Bank sein und wird dort mit Negativzinsen vernichtet.
    Dann gibts keinen Ausweg

  4. juju
    22. September 2015, 15:01

    ich persönlich finde es gut ohne Bargeld.Aber es wird immer Menschen geben die kein Konto haben, was dann??Und vielleicht sollte man mit Einführung bargeldlos endlich dei Schufa abschaffen, denn hier steckt ein Teufel im Detail

  5. marcjs.
    20. September 2015, 15:09

    Diebstahlsicher? selten so gelacht. Ei. Gerät, ein Zugang , ein pin, den ein Dieb von meinem Konto mit ALL MEINES GELDES trennt? Oder eine Geldbörse mit der ich nur ein Bruchteil meines geldes mit mir herum trage! Die Behauptung es sei sicher ist eine so dreiste lüge, die an frechheit kaum zu über treffen ist. Dies lässt auch den waren Charakter der HypoVereinsbank erkennen und die Vermutung wer hier der eigentliche Verbrecher ist sollte vllt in eine vollkommen neue Richtung gedreht werden. MFG marc

  6. wkugel
    14. September 2015, 15:23

    der Gedanke überall ein Gerät mit zu schleppen (das mich im falschen Moment im Stich lässt ) macht mir genauso angst wie der gläserne Mensch.

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