10.11.2014
Interview

Barrierefreies Internet

Barrierefrei: Finanzwissen für alle!

Seit kurzem erstrahlt euro.de, das Finanzwissensportal der HypoVereinsbank, in neuem Glanz! Doch nicht nur das Aussehen und die Navigierbarkeit haben sich verbessert, die Website ist nun auch barrierefrei. Was das genau heißt, erklärt der Diplom-Informatiker Thomas Ernst von der Münchener Stiftung Pfennigparade.

Eine Website nutzen – für die meisten von uns ist das eine Selbstverständlichkeit, die keine weiteren Schwierigkeiten bereitet. Aber wie surft man durch einen Internetauftritt, wenn man den Computer per Mundstab und Spracheingabe steuert? Kann die Website auch von einer Vorlese-Software für blinde Menschen, sogenannten Screenreadern, verarbeitet werden? Was macht ein Blinder, wenn er auf Videos, Infografiken & Co. stößt? Ist das Video untertitelt, damit es von Gehörlosen angesehen werden kann? Eine barrierefreie Website ist auch für Menschen mit Einschränkungen jeder Art nutzbar – und das umfasst viel mehr, als nur die Schriftgröße einstellen zu können!

Zugänglichkeit für jeden, egal welche Hilfsmittel benutzt werden

Thomas Ernst ist diplomierter Informatiker und prüft bei der Münchener Stiftung Pfennigparade Websites auf ihre Barrierefreiheit. Er hat auch euro.de, das neue Finanzwissensportal der HypoVereinsbank, auf Herz und Nieren geprüft.

Herr Ernst, was genau bedeutet “barrierefreies Internet”?
“Der deutsche Ausdruck ‘Barrierefreiheit’ ist ein wenig irreführend. Denn ein wirklich barrierefreies Internet, das allen Menschen, unabhängig von ihren persönlichen Einschränkungen, in gleicherweise zur Verfügung steht, ist eigentlich nicht erreichbar. Der englische Begriff ‘accessibility’, also ‘Zugänglichkeit’, trifft besser, worum es geht. Offiziell ist ‘Barrierefreiheit’ als die Zugänglichkeit unabhängig von Person, Gerät, Raum und Situation definiert. Konkret bedeutet das, dass eine Website zum Beispiel ohne Maus bedienbar ist oder starke Kontraste sehbehinderten Menschen das Surfen erleichtern. Außerdem muss der Code einer barrierefreien Internetseite so strukturiert sein, dass sie auch von einem Screenreader vollständig und verständlich ausgegeben werden kann. Die Barrierefreie Informations-Technologie Verordnung (BITV) ist hierfür die rechtliche Grundlage.”

Welche Schritte waren nötig, um die Zugänglichkeit von euro.de zu verbessern?
“Zunächst einmal haben wir mit Vertretern der HypoVereinsbank und der Agentur, die die technische Umsetzung übernommen hat, einen sogenannten ‘Sensibilisierungsworkshop’ durchgeführt. In zwei bis drei Stunden erklären wir, was Barrierefreiheit ist und wie man sie erreicht. Dazu gehört auch immer ein Rundgang durch die Büros der Pfennigparade, wo Menschen mit Behinderungen an Computern arbeiten. So erhalten unsere Auftraggeber einen guten Überblick über die verschiedenen Eingabegeräte, zum Beispiel für Menschen, die in der Mobilität eingeschränkt sind oder die eine Braille-Zeile für Blinde nutzen. Im nächsten Schritt habe ich die neue Programmierung von euro.de im Rahmen eines BITV-Tests auf ihre Barrierefreiheit hin untersucht und einen Prüfbericht geschrieben. In dem Bericht wird auf alle 50 Prüfschritte eingegangen. Meistens stellen wir den Prüfbericht anschließend auch in einem Workshop vor. Das gibt den Kunden die Möglichkeit, Fragen zu stellen und wir können bei Bedarf eine Priorisierung der anstehenden Aufgaben vornehmen. Die durchführende Agentur macht sich dann daran, unsere Veränderungsvorschläge umzusetzen.”

Namhafte Hersteller müssen für eine bessere Zugänglichkeit sorgen

Welche Mängel konnten nach Ihrer Prüfung von euro.de behoben werden?
“Im Prinzip waren es die ‘üblichen Verdächtigen’, wie wir sie bei fast jeder Prüfung finden. Die Seiten müssen zum Beispiel über HTML sauber strukturiert und Seitenbereiche wie Menü, Hauptinhalt oder Seitenspalte gekennzeichnet werden. So hat ein blinder User die Möglichkeit, sich nur bestimmte Bereiche vom Screenreader vorlesen zu lassen. Ungewöhnlich waren seitengroße Infografiken, die in kleinere Grafiken mit maschinenlesbarem Text aufgeteilt werden mussten. Ebenfalls besonders an der neuen euro.de war, dass dort eine sehr zukunftsorientierte Technik zum barrierefreien Navigieren in einer Register-Navigation zum Einsatz kam. Obwohl sie wunderbar funktioniert und auch von neueren Hilfsmitteln, wie zum Beispiel Screenreadern, unterstützt wird, sind noch nicht alle Nutzer mit dieser Technik vertraut.”

Welche Veränderung würden Sie sich im Netz wünschen?
“Ein großes Problem sind die immer noch barrierebehafteten Videoplayer im Netz. Auf euro.de führen viele Videos in die Welt der Finanzen ein. Leider scheren sich die Anbieter nicht um Barrierefreiheit, sodass es uns einige Anstrengungen gekostet hat, die Videos auch ohne den Einsatz einer Maus zugänglich zu machen. Ebenfalls problematisch sind Content Management Systeme zum Verwalten von Websites durch Redakteure. Wer sich für ein falsches System entscheidet, kann eine ausreichende Barrierefreit nur mit einem sehr hohen Aufwand erreichen. Hier müssen die Betreiber dieser Systeme reagieren! Joomla ist schon vor vielen Jahren mit gutem Beispiel vorangegangen, aber andere namhafte Hersteller wie Adobe müssen nun nachziehen.”

Thomas Ernst bedient seinen Computer selbst mit Mundstab und Spracheingabe und hat sein Informatik-Diplom an der Fachhochschule Heidelberg erworben. Bereits seit 20 Jahren ist Thomas Ernst als Informatiker für die Stiftung Pfennigparade tätig. Seit 2008 ist Barrierefreiheit sein Arbeitsschwerpunkt, zudem ist er Prüfer der BIK-Beratungsstelle München.

Die Stiftung Pfennigparade umfasst 13 Tochtergesellschaften und ist eines der größten Rehabilitationszentren für körperbehinderte Menschen in Deutschland. Ziel der Stiftung ist es, Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben und die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die Werkstätten der Pfennigparade arbeiten als Dienstleister in den Bereichen IT, Technik, Dokumenten-Service, Konfektionierung, Direktmarketing, Kaufmännische Sachbearbeitung und Datenservices. Parallel dazu existiert der Kunst-, Handwerks- und Gärtnereibereich. Hinzu kommen inklusiv ausgerichtete  Bildungs-, Arbeits- und Wohnplätze.

So liest ein Screenreader euro.de

So sehen Menschen mit Farbenblindheit (Achromasie) euro.de

So sehen Menschen mit Blaublindheit (Tritanopie) euro.de

So sehen Menschen mit Rotblindheit (Protanopie) euro.de

So sehen Menschen mit Grünblindheit (Deuteranopie) euro.de

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