23.03.2015
Interview

Behavioral Finance

Herz über Kopf: Wie Emotionen unser Anlageverhalten steuern

Gier, selektive Wahrnehmung, Angst, Panik. Das, was den Anleger tagtäglich bei seinen Kaufentscheidungen beeinflusst, ist nicht etwa die rationale Denkweise eines Homo oeconomicus, sondern vielmehr sein Dasein – ja, als Mensch. Und zwar als emotionsgetriebenes Wesen, das auf der Grundlage seiner Gefühlswelt auch Entscheidungen auf dem Börsenparkett trifft. Jessica Schwarzer, Ressortleiterin Finanzen bei Handelsblatt Online, beschäftigt sich in ihrem Buch „Gierig. Verliebt. Panisch. Wie Anleger ihre Emotionen kontrollieren und Fehler vermeiden“ genau mit diesen Zusammenhängen aus dem wissenschaftlichen Zweig der Behavioral Finance und zeigt dem Anleger, wie er seine Emotionen in den Griff bekommt.

Frau Schwarzer, in Ihrem Buch arbeiten Sie mit Erkenntnissen aus dem relativ jungen Forschungsfeld der Verhaltensökonomik, den "Behavioral Finance". Warum ist die Erforschung der menschlichen Psyche in Bezug auf den Finanzmarkt so relevant? Was sind für Sie die zentralen Erkenntnisse?

Unsere Psyche bestimmt unser Handeln. Das müssen wir wissen. Denn sonst stolpern wir unweigerlich immer wieder über mentale Fallstricke – nicht nur an der Börse. Unsere Psyche spielt uns gerne Streiche, führt uns in die Irre. Sie lässt uns beispielsweise übereilt handeln, wenn wir Angst haben oder sogar panisch sind. Sie lässt uns viel zu große Risiken eingehen, wenn wir gierig werden. An der Börse kann uns das viel Geld kosten. Nicht umsonst heißt ein bekannter Spruch unter Börsianern: Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch unterschiedliche "Typen", die an der Börse agieren – beispielsweise den Verliebten, den Spieler oder den Gierigen. Wie haben Sie diese Typen entwickelt?

Ich musste sie gar nicht entwickeln, sie begegnen uns tagtäglich. Es gibt viele Emotionen, die uns antreiben und unsere Entscheidungen bei der Geldanlage beeinflussen. Jeder von uns schwankt zwischen den Extremen. Wir empfinden mal Angst oder Panik, mal Gier oder Größenwahn. Wir sind hochmütig, verdrängen Tatsachen, verlieben uns in eine Aktie. Oder alles gleichzeitig. Meine Anlegertypen zeigen diese Emotionen in Reinkultur. Manche gibt es wirklich, wie den größenwahnsinnigen Bernard Madoff, andere wie den gierigen Gordon Gekko kennen wir aus Filmen. Von ihnen allen steckt ein Stück in uns. Mal ist es größer, mal kleiner.

Welche dieser Typen trifft man am häufigsten auf den Börsenparketten dieser Welt?

Die beiden extremsten Gefühle, nämlich Gier und Panik sind sicherlich am weitesten verbreitet. Das können Sie regelmäßig an den starken Schwankungen der Börsenkurse ablesen. Da reicht manchmal der Halbsatz eines Notenbankers, eine leichte Andeutung und schon rauschen sie in die Tiefe. Meistens beruhigt sich die Lage relativ schnell wieder. Wenn nicht, kommt es zu einer Kettenreaktion. Panik steckt eben an und dann kann es zum Crash kommen.

Den Homo oeconomicus, der in so vielen Wirtschaftstheorien als Akteur dargestellt wird, gibt es nach Ihren Beschreibungen nicht. Wie können sich Anleger bewusst machen, dass ihre Psyche Herr ihres Portfolios ist?

Der Homo oeconomicus ist eine Erfindung der Wissenschaftler. Er ist streng rational und völlig emotionslos, er handelt immer vollkommen logisch und ist einzig auf seinen wirtschaftlichen Vorteil bedacht. Mit uns ist er leider nur ganz entfernt verwandt. Unser Gehirn funktioniert nicht wie ein Computer. Wir treffen Entscheidungen oft aus dem Bauch heraus – auch wenn das eine irreführende Redewendung ist, denn auch diese Entscheidungen werden im Kopf gefällt. Gemeint sind Urteile und Bewertungen, die unser Gehirn „automatisch“ fällt. Neben unserem logischen, bewussten Denken gibt es nämlich noch die Intuition – ein menschlicher Autopilot quasi.

Wenn ein Anleger sich nur bedingt auf einen klaren Verstand verlassen kann, welche zentralen Eigenschaften benötigt er, um ruhig zu bleiben und am Aktienmarkt erfolgreich zu sein?

Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass wir sehr viel öfter auf Autopilot fliegen, als wir glauben. Selbst wenn wir überzeugt sind, eine Entscheidung bewusst, rational und absolut logisch durchdacht getroffen zu haben, war es oft der Autopilot. An der Börse kann das teuer werden. Ein strenges Regelwerk schützt uns vor emotionalen Entscheidungen. Es gilt Anlageziele und Risikoneigung genau zu definieren. Wer eine klare Strategie verfolgt, kann den Nervenkitzel an der Börse besser ertragen und bleibt hoffentlich gelassen, wenn es mal etwas turbulenter zugeht.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die wenig ausgeprägte Aktienkultur in Deutschland – woran liegt das, sind wir in Deutschland einfach emotional nicht abgeklärt genug?

Die Deutschen meiden die Aktie. Das ist meiner Meinung nach ein Fehler, denn auch wenn sie viele Risiken birgen, gehören sie langfristig zu den erfolgreichsten Anlageklassen. Viele Sparer wollen absolute Sicherheit und setzen Schwankungen, wie sie an der Börse nun mal üblich sind, mit Risiko gleich. Sie haben Angst, Fehlentscheidungen zu treffen und vielleicht auf eine Pleiteaktie zu setzen. Viele haben um die Jahrtausendwende, also zu Zeiten der Wachstumsbörse Neuer Markt schlechte Erfahrungen gemacht. Das prägt. Also bleiben sie dem Sparbuch treu. In Zeiten, in denen die Notenbanken die Zinsen quasi abgeschafft haben, ist das natürlich fatal.

Aktienkurse können heute überall auf der Welt überprüft werden, Aktien werden online gehandelt – auch das bedeutet Stress für den Anleger. Ihre Empfehlung – wie oft sollte man einen Blick ins Depot werfen?

Wer langfristig anlegt, kann sich den täglichen, wöchentlichen oder sogar monatlichen Blick auf das Aktiendepot eigentlich sparen. Im Grunde trifft das auch für mich zu, trotzdem schaue ich alle paar Tage nach, wie sich meine Aktien und Fonds entwickelt haben. Neugier ist eben auch eine starke Emotion.

Sie sind selbst "leidenschaftliche Börsianerin". Haben Sie beim Schreiben auch etwas für sich selbst und Ihr eigenes Anlageverhalten mitgenommen?

Ich bin gelassener geworden, habe mein langfristiges Ziel sehr viel genauer definiert und kann Kursschwankungen dadurch besser ertragen. Ich unterscheide auch sehr viel genauer, welche meiner Depotpositionen dem langfristigen Vermögensaufbau dienen und welche eher kurzfristige Zockereien sind. Man muss sich selbst klare Grenzen setzen, sonst wird es gefährlich. Da bin ich heute konsequenter als früher.

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