Börse für Einsteiger
27.01.2015
Serie

Börse für Einsteiger

Aktienmärkte: Kräftemessen der Schwergewichte

Wer die Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, sollte mit wachen Augen durch den Finanzdschungel spazieren. An der Börse lauern nämlich angriffslustige Vierbeiner, die Anlegern durchaus zum Verhängnis werden können.

Die Börse ist ein buchstäblich tierisches Parkett. Als Metapher für die Stimmung auf den Wertpapiermärkten haben es Bulle und Bär zu einiger Prominenz gebracht. Vor dem Gebäude der Frankfurter Börse vergegenwärtigen zwei bronzene Statuen ihren täglichen Renditen-Kampf. Ihre Duelle sind weitgehend ausgeglichen, mal gewinnt der eine, mal der andere. Die Sympathie der Anleger hat allerdings das Hörnertier auf seiner Seite. Der Bulle steht sinnbildlich für steigende Börsenkurse (Bullenmarkt / Hausse) und ein optimistisches Klima auf dem Markt. Den Bären hingegen möchten viele Investoren am liebsten an die Kette legen. Er gilt nämlich als Symbol für fallende Kurse (Bärenmarkt / Baisse) und Katerstimmung an der Börse. Für ein erfolgreiches Investment müssen sich Aktionäre allerdings nicht als Raubtier-Dompteure engagieren. Denn: Mit einer wohl durchdachten Anlagestrategie lassen sich Bullen und Bären durchaus zähmen, also Verluste begrenzen und Gewinne optimieren.

Investmentprozess: Erst recherchieren, dann kaufen

Ein vernünftiger Investmentprozess ist vielschichtig und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung einer Anlage. Wer sich entschließt, in die Aktienmärkte einzusteigen, sollte nicht einfach drauf los handeln, sondern mit System vorgehen. Schon vor dem Aktienkauf gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren und zunächst die Wirtschaftslage zu sondieren. Sicherlich: Zu jedem Investment gehört auch ein glückliches Händchen mit dazu. „Allerdings darf man Glück nicht mit dem Verhältnis aus Chance und Risiko verwechseln“, betont Christian Stocker, Aktienstratege beim UniCredit Research in München: „Eine solide Strategie basiert immer auf gründlichen Kenntnissen des zugrundeliegenden Anlageinstruments. Vor dem Aktienkauf sollten sich Investoren umfassend über die Stimmung an der Börse und das konjunkturelle Umfeld eines Unternehmens informieren.“ Nach einer gründlichen Marktanalyse gilt es, das Unternehmen selbst und seinen Sektor kritisch unter die Lupe zu nehmen. „Nur wer Marktrisiko und Einzelwertrisiko einer Aktie kennt, kann seine Anlagechancen und -risiken einschätzen“, so Stocker: „Eine nachhaltige Aktienstrategie berücksichtigt nicht nur Renditen. Auch die Risikokontrolle spielt eine entscheidende Rolle.“

Risikomanagement: Streuen, streuen, streuen!

„Lege nicht alle Eier in einen Korb“ lautet eine bewährte Börsenweisheit. Was zunächst klingt wie simple Hausfrauen-Psychologie, ist in Wirklichkeit ein wichtiges Instrument zur Risikominimierung. „Anleger sollten ihr Portfolio möglichst breit gefächert zusammenstellen und nicht alles auf eine Karte setzen„, rät der Experte: „Zum Beispiel kann man in Aktien aus verschiedenen Branchen und Regionen investieren.“ Für ein gut gestreutes Depot empfiehlt sich eine Mischung der Vermögenswerte, zum Beispiel durch unterschiedliche Anlageklassen, Emittenten und Laufzeiten. Wie das Portfolio dann konkret aussieht, hängt letztlich von den Anlagezielen und der Risikobereitschaft eines Investors ab. Für Einsteiger, die noch keine Börsenerfahrung haben, können Investmentfonds eine Alternative zu Einzeltiteln sein. „Das Gleiche gilt auch für Anleger, die nur kleine Summen einsetzen können. So ist es beispielsweise wenig sinnvoll, einen Anlagebetrag von 1.000 Euro auf zehn verschiedene Aktien aufzuteilen.“

Contenance! Disziplin als Börsentugend

Zu einem umfassenden Risikomanagement gehört auch eine gute Portion Selbstbeherrschung. Denn: Obwohl die Materie auf den ersten Blick trocken wirkt – die Börse ist eine hoch emotionale Angelegenheit. Aktienkurse werden nämlich nicht nur von Unternehmensbilanzen, Konjunkturberichten und politischen Ereignissen, sondern auch von Gefühlen wie Gier, Herdentrieb oder Angst bestimmt. Durch euphorische oder panische Kurzschluss-Reaktionen hat schon mancher Anleger herbe Verluste eingefahren. „Eine wichtige Grundregel an der Börse lautet: Investmentdisziplin!„, mahnt Stocker. Also bei Haussen nicht die Bodenhaftung, bei Kurseinbrüchen hingegen nicht die Nerven zu verlieren. „Ein einfacher, psychologisch aber gerade für Anfänger oft nur schwer umsetzbarer Tipp: Verluste begrenzen und Gewinne laufen lassen„, weiß der Aktienspezialist. Um Herr über die eigenen Gefühle zu bleiben, empfiehlt er, für ein Investment konkrete Kauf- und Verkaufsregeln zu definieren. Durch festgelegte Grenzwerte erhält dann zum Beispiel die Bank ein automatisches Kauf- oder Verkaufssignal. „Mit dieser Methode lässt sich die gewählte Strategie außerdem im Vorfeld schon einmal testen. Auf Basis von Werten aus der Vergangenheit bekommt man einen ersten Anhaltspunkt, ob die gewählte Taktik erfolgversprechend gewesen wäre.“

Anlagestrategien: Mit Plan vorgehen

Jedes vernünftige Aktieninvestment folgt einer bestimmten Anlagestrategie. Diese können Einsteigern wie ein Fahrplan dabei helfen, ihr individuelles Portfolio zusammenzustellen. Im Kern geht es bei allen Strategien darum, Aktien aufzuspüren, die den Gesamtmarkt schlagen. Bei denen also gute Chancen bestehen, dass sie auch in Zukunft steigen und eine solide Rendite erwirtschaften werden. Die Bandbreite an Anlagestrategien ist groß, die meisten von ihnen basieren auf Bewertungsmethoden wie der Fundamental- oder auch der Chart-Analyse. „Die Wahl der passenden Strategie hängt sehr stark von der Orientierung des Anlegers ab. Ein Patentrezept für erfolgreiches Investieren gibt es nicht“, so Stocker. Börsenneulingen rät der Experte, sich in Fachbüchern oder auch im Internet näher über die verschiedenen Anlagemethoden zu informieren. Als Beispiel seien hier zwei beliebte Strategien genannt:

Dividendenstrategie

Hier handelt es sich um eine klassische, konservative Vorgehensweise. Durch ihre einfache Umsetzbarkeit zählt die Dividendenstrategie zu den populärsten Anlagemethoden. Ihre Grundannahme ist relativ einfach: Wettbewerbsfähige und erfolgreiche Unternehmen können mehr Gewinne generieren. Man geht davon aus, dass sich Unternehmen mit einer hohen Dividendenrendite längerfristig besser entwickeln werden als der gesamte Markt. Deshalb setzt dieser Ansatz auf Aktien, die eine hohe Dividendenrendite versprechen. Meist werden hierbei Index-Aktien aus DAX oder Dow Jones gekauft, die neben Rendite-Erträgen den Vorteil bieten, dass sie fundamental stabiler sind als andere. „Diese Aktien werden dann beispielsweise ein Jahr im Depot gehalten. Danach werden die Werte geprüft und eventuell ausgetauscht.“ Zum Aufspüren deutscher Dividenden-Champions hat die Börse sogar einen eigenen Index erschaffen: Der DivDax listet in einer Übersicht die 15 dividendenstärksten DAX-Aktien auf. Aber Vorsicht: Auch bei dividendenstarken Unternehmen sind Verluste möglich. Ein Blick auf die Finanzkrise liefert hierfür zahlreiche Belege. Außerdem sollten sich Anleger darüber im Klaren sein, dass eine hohe Dividende kein zwingendes Indiz für die wirtschaftliche Gesundheit einer Firma ist.

Momentum-Strategie

Ein weiterer beliebter Ansatz ist die Momentum-Strategie. Ihrem Wesen entsprechend wird diese Anlagemethode umgangssprachlich häufig auch „Relative-Stärke-Strategie“ genannt. Die Grundannahme dahinter: Aktienmärkte bewegen sich häufig in mehrjährigen Trends. „Aktien, die in den letzten sechs bis zwölf Monaten stärker gestiegen sind als der Marktdurchschnitt, haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, auch in Zukunft überdurchschnittliche Kursgewinne zu erzielen“, erklärt Stocker: „Dieses Trend-Phänomen zeigt sich nicht nur bei Einzelaktien, sondern auch in Branchen und Ländern.“ Um die relative Stärke einer Aktie zu bestimmen, untersucht man ihre langfristige Kursentwicklung (Chart) mithilfe der technischen Analyse. Für einen ersten Überblick bieten Finanzportale wie zum Beispiel GodmodeTrader kostenlose Chart-Analysen und aktuelle Börsennews. Aber Achtung: Auch die Momentum-Strategie bietet keine Garantien! In der Praxis hat sich oft genug gezeigt, dass auch Unternehmen, die in der Vergangenheit erfolgreich waren, zu hohen Verlusten für die Anleger führen können. Denn: Eine positive Entwicklung in der Vergangenheit lässt sich nicht mit Gewissheit auf die Zukunft übertragen.

Buchtipps für Wissenshungrige

Interessierte, die tiefer in das Thema Aktieninvestments einsteigen möchten, sei nachfolgende Literatur-Liste empfohlen. Die Bücher bieten sowohl Einsteigern als auch Fortgeschrittenen viele hilfreiche Informationen und Tipps:

  • Jack D. Schwager: Stock Market Wizards: Interviews with America’s Top Stock Traders
  • Jack D. Schwager: Schwager on Futures, Technische Analyse
  • Benjamin Graham: The Intelligent Investor
  • Gustave Le Bon: Psychologie der Massen
  • Lawrence Cunningham: Value-Investing: simplified
  • Phil Town: Regel Nummer 1: einfach erfolgreich anlegen!
  • André Kostolany: Weisheit eines Spekulanten
  • Thomas Müller: Gewinnen mit Börsenzyklen

Lesen Sie im ersten und zweiten Teil unserer Serie, wie ein Investment an der Börse funktioniert und wie Sie Aktien bewerten können.

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