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Anlage

27.05.2014

Buy and hold: Was Börsenweisheiten und Schlaftabletten gemeinsam haben

Jessica Schwarzer ist Wirtschaftsjournalistin und Autorin des Buches “Sell in May and go away?”. Im Interview mit Gastautor Richard Pfadenhauer verrät sie, ob Weisheiten wie “Buy and hold” heute noch taugen – und worauf Privatanleger bei ihrer Anlagestrategie achten sollten.

Frau Schwarzer, Sie haben in Ihrem Buch “Sell in May and go away?” 20 Börsenweisheiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Sie behaupten darin, dass viele Regeln (immer noch) stimmen. Wie kommen Sie darauf?

Die beschriebenen Regeln sind sicherlich keine Grundlage für eine ausgefeilte Anlagestrategie. Spätestens seit der Finanzkrise 2008/2009 wird zum Beispiel häufig über die “Buy-and-hold”-Strategie diskutiert. Meine Analyse der zurückliegenden Jahre hat allerdings ergeben, dass eine Vielzahl der Börsenregeln durchaus noch gültig ist.

Welche Regel ist Ihrer Ansicht nach total absurd?

“Nie in ein fallendes Messer greifen!” Ich sehe darin keine Handlungsempfehlung. Ziel ist es bekanntlich immer, billig zu kaufen und teuer zu verkaufen. Fällt eine Aktie, ist jedoch unklar, ob es eine kurzfristige Korrektur oder der Start einer längeren Abwärtsbewegung ist. Das beste Beispiel ist die Commerzbank-Aktie. Im Herbst 2008 notierte sie noch bei 100 Euro und fiel danach zeitweise unter sechs Euro. Der Slogan gibt also keinen Hinweis, wann der Boden kommt und sich ein Einstieg lohnt. Er ist vielmehr eine Warnung.

Welche Börsenweisheit zählt zu Ihren Favoriten?

“Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen” – ein Spruch des österreichischen Kabarettisten Paul Farkas.

Wieso ausgerechnet dieser Spruch?

Der ein oder andere Anleger hat möglicherweise den Filmklassiker “Wallstreet” mit Gordon Gekko gesehen. Darin sagt Gekko: “Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert!” Lange Zeit gingen Ökonomen davon aus, dass Anleger rational handeln würden. Psychologen und Hirnforscher haben inzwischen nachgewiesen, dass diese Annahme weit entfernt ist von der Realität. Die Entscheidungen von Privatanlegern und sogar Profis werden von Mechanismen gesteuert, die in die Anfänge der Menschheit zurückreichen: Aggression,  Flucht, Angriff, Verteidigung, Fressen und Gefressenwerden. Wer von Emotionen getrieben wird, macht Fehler. Auch Gekko. Er wird am Ende “gefressen”.

André Kostolany meinte einst: “Eine Börse wäre keine Börse, wenn nicht viele Narren ihr Unheil dort treiben würden. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass sich immer noch viele Narren auf dem Parkett tummeln würden. Ist das nicht eine schallende Ohrfeige für jeden Aktienanleger, zumal wir im internationalen Vergleich ohnehin nicht viele haben?

Es ist sicher kein Kompliment. Aber es stimmt. Und es gilt sowohl für professionelle als auch für private Anleger. Der Blick auf die Performance vieler Fonds zeigt, dass sie sich langfristig schlechter entwickeln als der Vergleichsindex. Bei Privatanlegern kommt häufig dazu, dass sie keine konkrete Anlagestrategie haben oder sie diese schnell über Bord werfen. Hier nehme ich mich nicht aus. Auch ich habe mein Lehrgeld bezahlt. Meine persönlichen Erfahrungen wie auch meine Gespräche mit Experten in den vergangenen Jahren haben mir allerdings gezeigt, dass das schnelle Geld nicht zu machen ist. Das heißt: Die Strategie sollte langfristig ausgerichtet sein und: Risikodiversifizierung ist Trumpf. Zudem halte ich es gern mit Warren Buffett und kaufe nur, was ich verstehe.

Zum Gastautor

Richard Pfadenhauer ist Chefredakteur des onemarkets Magazins und des onemarkets Blogs  im Bereich Corporate & Investment Banking der HVB. Darüber hinaus ist er Autor des onemarkets Wochenkommentars, eines wöchentlichen Rück- und Ausblicks auf die Märkte. Als ausgewiesener DVFA-Aktienanalyst beschäftigt sich Pfadenhauer seit vielen Jahren mit den Finanzmärkten. Er gilt als ausgesprochener Derivate-Experte.

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