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08.04.2016
Serie

Chartanalyse Grundlagen

Auf Zickzack-Kurs: So lesen Sie in Börsenkurven

Candlesticks, Unterstützung, Trendkanal: Wer die Grundlagen der Chartanalyse lernen will, muss anfangs manch inneren Widerstand überwinden. Was routinierte Trader in kryptischen Kurven und Linien erkennen, erscheint Laien oftmals als böhmisches Dorf. Aber: Keine Scheu Sie können das auch! So schwer verdaulich wie sie wirkt, ist die Chartanalyse nämlich nicht.

In Zeiten von Internet und moderner Computertechnik ist es relativ leicht, Informationen über einen Finanzwert zu bekommen. Digitale Börsenmagazine, Trading-Portale oder die Online-Ausgaben vieler Tageszeitungen sind voll davon und bieten eine Fülle an Darstellungen, wie man sich die Daten anzeigen lassen kann. Charts für einen Wert zu finden, ist im 21. Jahrhundert also wirklich kein Problem. Die größere Herausforderung besteht vielmehr darin, sie richtig zu interpretieren. Wer Kursverläufe nämlich nicht zu lesen weiß, kann auch keine Rückschlüsse über die mögliche zukünftige Wertentwicklung einer Geldanlage ziehen. Das gilt für Daytrader ebenso wie für langfristige Investoren, die beispielsweise überlegen in Aktien oder Fonds zu investieren. Um einen Blick für die Märkte zu entwickeln, sollten sich Einsteiger zunächst Grundwissen darüber aneignen, was die verschiedenen Kurvenbilder und Linien eigentlich zu bedeuten haben.

Linien, Balken, Kerzen: Gängige Formen der Chartdarstellung

Zur Visualisierung von Kursverläufen stellt die Technische Analyse ein großes Spektrum an Möglichkeiten zur Verfügung. Jede Chartdarstellung hat Vor- und Nachteile, ihr größter Unterschied liegt im Informationsgehalt. Zugegeben: Die verschiedenen Darstellungsformen sehen gewöhnungsbedürftig aus. Daher die gute Nachricht gleich vorweg: Wer weiß, was sich hinter ihnen verbirgt, wird schnell seine Berührungsängste verlieren.

Liniencharts: Sie verbinden meist die Schlusskurse einer festgelegten Zeitperiode zu einer Linie, ihr größter Vorteil besteht in ihrer Einfachheit. Bei langen Betrachtungszeiträumen bieten sie eine gute Möglichkeit, Trends zu erkennen oder mehrere Werte zu vergleichen. Ihr Nachteil: „Sie gehören zur Gruppe der gefilterten Charts“, erklärt Herbert Stocker, Technischer Analyst bei der HypoVereinsbank in München. „Liniencharts beinhalten keine Hoch- und Tiefkurse. Kursausschläge oder Lücken zwischen Eröffnungs- und Schlusskurs sind daraus nicht ersichtlich.“

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Zu Person

Herbert Stocker beschäftigt sich bereits seit 1979 mit der Chartanalyse, zunächst im Rahmen seiner Tätigkeit als aktiver Devisenhändler. Seit 1987 arbeitet er bei der HypoVereinsbank. Nach verschiedenen Stationen im Haus unterstützt er seit 1995 als Technischer Analyst im Bereich „Research“ Vertrieb und Kunden mit seiner langjährigen Markterfahrung sowie Chartanalysen zu Währungen, Zinsen und Rohstoffen.

Balkencharts: Unter Tradern sind Balkencharts sehr beliebt. Im Vergleich zur Liniendarstellung bieten sie nämlich einen deutlich höheren Informationsgehalt. Ein senkrechter Balken (Bar) visualisiert die Höchst- und Tiefstkurse einer Zeiteinheit, beispielsweise eines Tages oder einer Stunde. „Mittels eines kleinen Querbalkens werden zusätzlich die Eröffnungskurse (links) und Schlusskurse (rechts) angezeigt“, so Stocker.

Kerzencharts: Die aus Japan stammenden „Candlesticks“ sind die älteste bekannte Art der Kursdarstellung und gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Jeder Kerzenkörper bildet ein Zeitfenster ab und entsteht aus einer Kombination von Eröffnungs-, Hoch-, Tief- und Schlusskursen. Die zwei Kerzenfarben ergeben sich aus dem Verhältnis von Eröffnungs- und Schlusskurs. Ist der Eröffnungskurs höher als der Schlusskurs, wird eine dunkle Kerze gezeichnet, den umgekehrten Fall visualisiert eine helle Kerze. Die Striche am oberen und unteren Ende – die Schatten – stellen den jeweiligen Höchst- und Tiefstkurs der gewählten Zeitperiode dar. Candlesticks verfügen über die gleiche Datenbasis wie Balkencharts und sind als Darstellungsform ähnlich populär. Ihr Vorteil: „Geübte Trader können Formationen in den Kerzenbildern erkennen. Daraus lassen sich Handelsregeln für die weitere Kursentwicklung ableiten“, weiß Stocker.

Point- & Figure-Charts: Im Gegensatz zu Linien-, Balken- und Kerzencharts zeichnet ein Point- & Figure-Chart nur die Richtungsänderungen der Kurse auf. Korrekturen werden erst im Nachhinein eingefügt, die Größe der Box definiert ein Intervall. X-Säulen bilden die Aufwärtsbewegung der Kurse ab, O-Säulen die Abwärtsbewegungen. Der Zeitfaktor bleibt völlig unberücksichtigt und hat keinen Einfluss auf die Interpretation. „Point & Figure-Charts zeigen ein gefiltertes Bild einer Kursentwicklung. Die Stärke der Filterung hängt vom jeweiligen „Boxwert“ (Wert der X bzw. O) und dem „Reversal“ ab“, erklärt Stocker. „Durch den Einsatz moderner Trading-Software verlieren Point- & Figure-Charts aber mehr und mehr an Bedeutung.“

Psychologische Verhaltensmuster: The Trend is your friend!

Die Wahl der passenden Darstellungsform ist letztlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Viele Wege führen nach Rom – für erfolgreiches Handeln an der Börse gibt es keinen Königsweg. Um einen Chart zu interpretieren, erfolgt zunächst eine Analyse der vorhandenen historischen Kursentwicklung, um psychologische Verhaltensmuster wie Unterstützungs- und Widerstandszonen oder Trends festzustellen. Letztere lassen sich im Chart als eine anhaltende Kursentwicklung in eine Richtung erkennen. Werden stetig neue Höchstkurse erreicht, deren zwischenzeitliche Kurskorrekturen oberhalb der letzten Korrekturphasen enden, spricht man von einem Aufwärtstrend. Zeichnet sich hingegen eine schwache Kursentwicklung mit immer neuen Tiefstkursen ab, deren Kurskorrekturen unterhalb der letzten Korrekturphasen liegen, beschreibt dies einen Abwärtstrend. Ist die Richtung einer Bewegung ausgemacht, werden die Kursphasen für die Analyse mit einer Basislinie versehen. Sie bildet sozusagen das Rückgrat eines Trends. Lässt sich aus der Basislinie zusätzlich eine Parallele, die Widerstandslinie, an die Höchst- oder Tiefkurse ableiten, erhält man einen Trendkanal. „Innerhalb dieser Begrenzungslinien bewegt sich der Kurs während eines Trendzyklus auf und ab. Nähert sich ein Kurs zum Beispiel in einem Aufwärtstrend der Basislinie, gehen viele Trader ‘long‘. Das heißt, sie kaufen den Wert, weil sie von einem anhaltenden Trend und damit von steigenden Kursen ausgehen. Bei der Widerstandslinie verhält es sich genau umgekehrt. Prallt der Kurs dort ab, gehen Börsianer ‘short‘. Sie verkaufen oder reduzieren also ihre Anteile, weil sie eine zeitliche Korrektur innerhalb eines intakten Trends erwarten.“ Bricht der Kurs aus dem Trendkanal aus, werden die Karten neu gemischt. Die bisherige Ausgangssituation hat sich verändert, neue Kurspotenziale werden anvisiert und das Handelsvolumen steigt normalerweise deutlich an.

Widerstand und Unterstützung: Ein weiteres Analysetool der Charttechnik

Wer Finanzwerte aufmerksam beobachtet, wird feststellen, dass sie an bestimmten Kursmarken scheinbar nicht vorbeikommen. Im Fachjargon nennt man diese Wendepunkte Widerstands- und Unterstützungszonen, die sich als Linien durch die horizontale Verbindung von gleichen Höchstkursen (Widerstand) und Tiefständen (Unterstützung) in den Chartverlauf einzeichnen lassen. „Analog zu den Trendlinien bilden auch Widerstand und Unterstützung wichtige Marken, die einen Aus- oder Einstiegspunkt signalisieren“, so Stocker. „Ihr Verlauf markiert das bisherige Verhaltensmuster der Marktteilnehmer. Meistens bilden sich solche Zonen kurz vor zurückliegenden Höchst- oder Tiefstkursen oder an psychologischen Werten wie etwa beim DAX um die 10.000 Punkte.“ Nähert sich der Kurs also der Unterstützungslinie, steigt die Kaufbereitschaft, da der Kurs gerade niedrig erscheint. Bewegt sich der Kurs hingegen in Richtung Widerstandslinie, ist es genau umgekehrt. „Je öfter es in der Vergangenheit an diesen Marken einen Richtungsumschwung gab, desto höher wird ihre Bedeutung für die Zukunft. Wird eine der beiden Linien durchbrochen, tauschen sie ihre Rollen“, weiß der Analyst. „Aber Vorsicht: Ebenso wie Trends dienen sie nur als Analysetool und bieten keine Garantien. Gemäß dem Sprichwort: ‚Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht‘, findet jeder Trend früher oder später sein Ende.“

Im ersten Teil unserer Serie Chartanalyse für Einsteiger haben wir Ihnen erklärt, welche Annahmen der Chartanalyse zugrunde liegen. Im dritten Teil unserer Serie lernen Sie, welche Trendformationen es gibt und wie Sie sie zur Standortbestimmung einer Kursentwicklung verwenden können.

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