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14.04.2016
Serie

Charttechnik lernen

Bildersprache: Chartformationen zur Standortbestimmung

Eines gleich vorweg: Auch die Chartanalyse ist keine Kristallkugel, die die Zukunft prognostizieren kann. Wäre dem so, gäbe es sicherlich keine Fundamentalanalytiker mehr, zum anderen lebten dann nur noch Millionäre auf dieser Welt. Wer die Charttechnik lernt, bekommt dennoch ein brauchbares Hilfsmittel an die Hand. Chartformationen etwa visualisieren bisherige Verhaltensmuster der Marktteilnehmer und ermöglichen Anlegern, Rückschlüsse über die zukünftige Entwicklung eines Finanzwerts zu ziehen.

Gier, Angst, Herdentrieb: Börsenkurse werden seit jeher zu einem Großteil von der psychischen Verfassung der Marktteilnehmer geprägt. Und: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier! Deshalb rufen bestimmte Situationen auf den Finanzmärkten auch immer wiederkehrende Reaktionen hervor. Diese schlagen sich als sogenannte Kursformationen im Chartbild nieder. Geübte Trader nutzen diese Signale, um ihre Investmententscheidung zu untermauern. „Nur selten verläuft die Kursentwicklung eines Wertes konstant, meistens wird sie durch Korrekturen auf unterschiedlichste Art und Weise unterbrochen“, erklärt Herbert Stocker, Technischer Analyst bei der HypoVereinsbank in München. „Formationen sind die grafischen Darstellungen von Überlegungsphasen oder wichtigen Marktereignissen. Aus ihrer Art, Form und Dauer lassen sich Rückschlüsse auf die mögliche weitere Kursentwicklung ableiten.“

Trendbestätigung und Trendumkehr: Formationen und ihre Bedeutung

Die Vielzahl verschiedener Formationen füllt ganze Bücher, grundsätzlich lassen sich in der Technischen Analyse aber zwei Hauptkategorien unterscheiden: Trendbestätigungs- und Trendumkehrformationen. „Trendbestätigende Formationen treten häufig nach impulsiven Kursbewegungen auf“, so Stocker. „Sie unterbrechen als kurze Gegenbewegung – im Fachjargon Korrektur – die Trendphase. Nach Ende der Formation setzt sich die Aufwärts- oder Abwärtsbewegung des Finanzwertes aber dann schließlich fort.“ Trendumkehrformationen hingegen signalisierten quasi einen „gestörten“ Trend. „Sie deuten das Ende einer Trendbewegung an und läuten häufig eine Richtungsänderung ein“, weiß der Analyst.

Zur Person

Herbert Stocker beschäftigt sich bereits seit 1979 mit der Chartanalyse, zunächst im Rahmen seiner Tätigkeit als aktiver Devisenhändler. Seit 1987 arbeitet er bei der HypoVereinsbank. Nach verschiedenen Stationen im Haus unterstützt er seit 1995 als Technischer Analyst im Bereich „Research“ Vertrieb und Kunden mit seiner langjährigen Markterfahrung sowie Chartanalysen zu Währungen, Zinsen und Rohstoffen.

Flaggen, Wimpel, Dreiecke: So erkennen Sie Trendbestätigungsformationen

Eine Trendbestätigung liegt vor, wenn ein Trend in seiner Weiterentwicklung unterbrochen wird, ohne die Basislinie zu durchbrechen. Solange der Kurs also zum Beispiel in einem Aufwärtstrend das vorherige markante Tief nicht unterschreitet, bleibt der Trend intakt. „Solche Konsolidierungs- beziehungsweise Korrekturphasen schlagen sich im Chart oftmals als Dreiecks-, Flaggen- oder Wimpelformationen nieder“, erklärt Stocker. „Allerdings: Formationen bieten keine Sicherheiten und bedürfen einer ständigen Überwachung.“

Flaggen: Eine Flagge tritt in der Regel nach starken Kursbewegungen auf, ihr Ausbruch bestätigt immer den übergeordneten Trend. Sie zählt zu den zuverlässigsten Trendbestätigungsformationen und besteht aus zwei parallel verlaufenden Trendlinien, die gegen die primäre Trendrichtung geneigt sind. In dieser Marktphase kommt es zu einer kurzzeitigen Unterbrechung der Trendbewegung.

Wimpel: Auch Wimpel sind vergleichsweise verlässliche Trendbestätigungsformationen. Genauso wie Flaggen treten sie häufig nach starken Kursbewegungen auf. Sie kennzeichnen sich durch zwei aufeinander zulaufende Linien, die abnehmende Kursschwankungen in Form eines Dreiecks ummanteln.

Dreiecke: Sie können ansteigend, absteigend oder symmetrisch sein. Im Gegensatz zu Wimpel und Flagge haben Dreiecke in der Charttechnik einen ambivalenten Charakter. Sie treten sowohl als Trendbestätigungs- als auch als Trendumkehrformationen auf. Ein aufsteigendes Dreieck signalisiert eine Konsolidierung innerhalb eines Aufwärtstrends, ein absteigendes hingegen die Verfestigung eines Abwärtstrends. Das symmetrische Dreieck verhält sich neutral und lässt sich sowohl als Konsolidierungs- als auch als Wendeformationen interpretieren. Ein Dreieck wird durch zwei sich gegenläufigen Linien begrenzt und legt damit die Unterstützungs- bzw. Widerstandszone der Formation fest.

Doppeltop & Schulter-Kopf-Schulter-Formation: Signale für die Trendumkehr

Früher oder später findet jeder Trend sein Ende, oft werden solche Ereignisse in einer Kursentwicklung durch Trendumkehrformationen eingeleitet. Sie bilden sich auf verschiedene Art und Weise im Chartbild aus und ermöglichen damit Rückschlüsse auf eine eventuell bevorstehenden Trendwende und deren Auswirkungen. Trader, die gegen den Trend spekulieren, nutzen diese Umkehrmuster gerne als Bestätigungs-Indikator. Neben W- und M-Formationen zählt auch die Schulter-Kopf-Schulter-Formation zu den häufig auftretenden „Klassikern“.

Schulter-Kopf-Schulter-Formation: In schulbuchmäßiger Reinform ist sie in der Praxis eher selten zu finden. Dennoch zählt sie zu den aussagekräftigen Trendumkehrformationen. Sie besteht aus einem Kopf in der Mitte (Höchstkurs) und wird von zwei Schultern links und rechts umgeben. Die Tiefs zwischen Schultern und Kopf liegen auf einer gemeinsamen Trendgeraden, der sogenannten Nackenlinie. „Eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation läutet häufig einen Trendwechsel ein“, erklärt Stocker. „Die entscheidende Marke ist die Nackenlinie. Wird sie etwa nach unten durchbrochen, wird ein Verkaufssignal ausgelöst.“

W- und M-Formationen: Diese beiden Formationen sind unter Börsianern mit großen Emotionen verbunden. Das W weckt Gier, das M hingegen erzeugt Angst. Die W-Formation, auch Doppelboden genannt, besteht aus zwei in etwa gleich liegenden Tiefs. Auch hier ist die Nackenlinie die entscheidende Marke. Wird sie vom Kurs durchbrochen, signalisiert das das Ende eines Abwärtstrends. Ihr Gegenspieler, die M-Formation oder auch Doppeltop, verhält sich genau umgekehrt. Sie beendet einen Aufwärtstrend und läutet eine Richtungsänderung ein. Grundsätzlich gilt: Eine Garantie für die verschiedenen Trendumkehrmuster gibt es nicht, sie können sich immer auch als Fehlsignale herausstellen. Um dieses Risiko einzugrenzen, werden Umkehrmuster mit anderen Indikatoren abgeglichen und mit engen Stops versehen.

So funktioniert der Einstieg in die Praxis

Natürlich gibt es in der Formationslehre noch viele weiterer Chartbilder. Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit! Generell gilt: „Eine Formation alleine liefert noch keine Aussage, sondern lediglich einen Anhaltspunkt für eine tiefergehende Analyse“, gibt Stocker zu bedenken. Vor einer Geldanlage, etwa in Aktien, empfiehlt der Experte, eine gründliche Marktanalyse vorzunehmen. Dabei sollte zunächst der zeitliche Rahmen abgesteckt und der historische Kursverlauf mitsamt Formationen kritisch unter die Lupe genommen werden. Mithilfe von Indikatoren, verschiedener Theorien und Studien sowie der vorherrschenden Marktstimmung gilt es dann, sich ein Bild über die aktuelle Marktlage zu verschaffen. Außerdem ist das Gewinn-Verlust-Risiko (mindestens ein doppeltes Gewinn-Verlust-Verhältnis) sorgfältig abzuwägen. „Um das Risiko eines Investments so gering wie möglich zu halten, sollten Anleger klare Rahmenbedingungen festlegen. Also neben dem Zeithorizont vor jeder Positionierung klare Stop-Preise (Stop Loss Order) und Höchstpreise (Take Profit Order) für einen Trade setzten“, mahnt Stocker. „Und natürlich muss die Position ständig überwacht und überprüft werden.“

Apropos überprüfen: Wie wichtig eigenes Urteilsvermögen ist, zeigen sogenannte Charts of Doom, die immer wieder durch Medien und soziale Netzwerke geistern. Sie beunruhigen die Börsenwelt, indem sie mithilfe verzerrter Kurskurven prophezeien, der Crash stünde unmittelbar bevor. „Durch die Veränderung von Zeiträumen oder die Wahl und Darstellung von Parametern bergen Chartdarstellungen natürlich ein erhebliches Manipulationspotenzial“, mahnt Stocker. „Daher ist es umso wichtiger, dass man selbst eine Einschätzung über die Situation treffen kann. Wer sich mit der Chartanalyse vertraut macht, kann eigene Analysen durchführen. Bedeutet im Klartext: Er muss sich nicht auf Aussagen und Tipps vermeintlicher Experten verlassen.“

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