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27.09.2013

Gewinnerwartung am Finanzmarkt

Die umfassende Fahrradketten-Analyse

Allzu gerne mögen Anleger “Wenn-dann”-Regeln. Doch auf nichts ist wirklich Verlass, glaubt unser UniCredit Zinsanalyst Kornelius Purps.

“Hätte, hätte, Fahrradkette …” – vom Bundestags-Wahlkampf bleibt vielen Wählern vermutlich nicht viel mehr als dieses Zitat des Herausforderers im Gedächtnis. Es bedeutet ungefähr so viel wie der Ausspruch “Wenn das Wörtchen wenn nicht wär’”. Genau: “Hätte, hätte, Fahrradkette …” ist im Prinzip eine kreative Umformulierung des altbekannten “Wenn-dann”-Prinzips. Teilnehmer an den Finanzmärkten leben tagein, tagaus mit derlei Abhängigkeiten: Wenn die Konjunktur anzieht, dann steigen die Gewinnerwartungen. Wenn die Gewinnerwartungen steigen, dann steigen die Aktienkurse. Wenn die Aktienkurse steigen, dann fallen die Renditen von Staatsanleihen. Einerseits bilden solche Pauschalaussagen die Grundlage des Versändnisses für Zusammenhänge an den Finanzmärkten. Andererseits halten viele dieser Behauptungen einer genauen Überprüfung nicht stand.

Is the trend really your friend?

Beliebt ist auch folgende Behauptung: “Wenn die Kurse in den ersten fünf Tagen des Jahres steigen, dann steigen sie über das ganze Jahr.” Ich habe mal eine kleine Untersuchung durchgeführt: Wie hoch ist die Trefferquote dieser Behauptung für den DAX®, den S&P 500® und die zehnjährige Bundrendite seit 1991? In zwei Dritteln der Fälle gibt die Entwicklung der ersten fünf Handelstage tatsächlich die Richtung für das ganze Jahr vor. Aber in einem Drittel der Fälle liefert die 5-Tages-Regel ein Fehlsignal. Ich habe auch auf einzelne Zeiträume geschaut: Die Prä-Euro-Ära bis 1998, die Vorkrisenzeit von 1999 bis 2006 und die Krisenzeit zwischen 2007 und 2012. Die Trefferquote kann dadurch jedoch nicht wesentlich gebessert werden. Und wie sieht es in diesem Jahr aus? Die ersten fünf Handelstage in 2013 signalisierten eine positive Aktienperformance und steigende Bundrenditen. Und tatsächlich: Bis August hat sich dieser Trend mehr als deutlich bestätigt.

Lässt sich die Tendenz ableiten?

Wir können die 5-Tages-Regel natürlich unendlich variieren. Zu Beginn der “kritischen” Zeit im Herbst lohnt sich ein Test der Halbjahresregel: “Wenn die Kurse im ersten Halbjahr steigen, dann steigen sie auch im zweiten Halbjahr” (und umgekehrt). Intuitiv mögen Anleger vielleicht denken, diese Behauptung würde von den Daten besser unterlegt sein als die 5-Tages-Regel. Aber weit gefehlt: Je nach Betrachtungszeitraum liegt die Trefferquote nur noch bei 33 Prozent. Allerdings gibt es eine bemerkenswerte Ausnahme: In der Vorkrisenzeit lieferte die Halbjahresregel erstaunlich zuverlässige Ergebnisse. Und wer der Ansicht ist, das Jahr 2013 sei das erste Nachkrisenjahr, für den mag dieser Vergleichszeitraum von besonderer Bedeutung sein. Zwischen 1999 und 2006 lag die Trefferquote der Halbjahresregel für den DAX® bei 100 Prozent. Beim S&P 500® gibt es lediglich im Jahr 2005 ein Fehlsignal zu entdecken.

Fundamentale Überlegungen nicht vernachlässigen

Und im Rentenmarkt? Dort diente die Halbjahresregel als recht zuverlässiger Contra-Indikator: Die Behauptung “Wenn die Renditen im ersten Halbjahr ansteigen, dann werden sie im zweiten Halbjahr zurückgehen” traf immerhin in fünf von acht Jahren zu. Bemerkenswert: In den letzten zehn Jahren lag der Contra-Indikator nur im Jahr 2012 voll und im Jahr 2009 minimal (um zwei Zehntel-Basispunkte) daneben. In diesem Jahr stieg die Rendite in den ersten sechs Monaten um über 40 Basispunkte an. Es gibt eine überwältigende Mehrheitsmeinung, wonach die Renditen bis zum Jahresultimo weiter ansteigen werden, die Halbjahresregel als Contra-Indikator im Rentenmarkt somit ein Fehlsignal sein dürfte. Das zeigt: Trotz aller “Wenn-dann”-Regeln sollten fundamentale Überlegungen beim Handeln in den Märkten nicht vernachlässigt werden. So zum Beispiel, dass historische Betrachtungen keinen verlässlichen Indikator für zukünftige Entwicklungen darstellen.

Stellen Sie sich vor, Ihnen wird Anfang Januar 2014 rückblickend vorgeworfen, bei einem derart positiven Konjunkturausblick hätten Sie auf steigende Renditen setzen müssen. Wie reagieren Sie dann? “Hätte, hätte, Fahrradkette …”

Zum Gastautor

Kornelius Purps, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1999 im Team Economics & FX/FI Research der HypoVereinsbank. Seit Beginn seiner Tätigkeit bei der HVB zeichnet Purps für das tägliche Kommentieren der Marktentwicklungen verantwortlich. Derzeit verfasst Kornelius Purps den meistgelesenen deutschsprachigen Börsenbrief mit dem Schwerpunkt Zins- und Währungsmärkte.

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