08.08.2013

Zinsen

Geld parken kostet was

Die Europäische Zentralbank überlegt, einen negativen Zins einzuführen. Ein gewagtes Experiment, findet unser UniCredit Zinsanalyst Kornelius Purps.

Im Laufe von sechs Jahren Finanzkrise wurde schon so manche “Gibt’s nicht”-Behauptung widerlegt. Relativ neu – zumindest in Europa – ist die Diskussion um den tiefstmöglichen Zinssatz. Nach traditioneller Überlieferung ist der niedrigste Zins null Prozent. Im Verlauf des vergangenen Jahres lernten Anleger allerdings: Das stimmt so nicht. Der Kapitalmarktzins kann negativ sein. Dies ist dann der Fall, wenn Investoren bereit sind, beim Parken ihrer Gelder eine Prämie zu zahlen, um im Gegenzug die höchste Sicherheit zu erhalten. Das kommt – so die Überlieferung – in extremen Marktsituationen schon mal vor. Aber der wahre Zins, nämlich der Leitzins einer Zentralbank, kann maximal bis auf null Prozent gesenkt werden.

Zinsen im Minusbereich

Es gibt Hunderte Aufsätze, die sich der Thematik des „Zero Lower Bound“ annehmen, also dem Problem, dass eine Zentralbank ihr Zinssenkungspotenzial bei null Prozent vermeintlich ausgeschöpft hat. Anfang Mai widerlegte Mario Draghi diese Behauptung. Auf einer Pressekonferenz erläuterte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), ein negativer Leitzins sei eine Option, die innerhalb des geldpolitischen Rates diskutiert werde. Allerdings beziehen sich Draghis Äußerungen nicht auf den allgemein als den Leitzins bekannten Refinanzierungssatz, der seit Mai dieses Jahres bei 0,5 Prozent steht. Der EZB-Chef meinte den Zinssatz für die sogenannte Einlagenfazilität.

Die Europäische Zentralbank überlegt, einen negativen Zins einzuführen. Ein gewagtes Experiment. überschüssige Liquidität über Nacht bei der EZB anzulegen. Auf diese Einlagen gewährt die EZB einen Zins, jenen Einlagezinssatz. Dieser liegt aktuell bei null Prozent. Und nun überlegen die Währungshüter, den Zinssatz auf minus 0,25 Prozent zu senken. Die Idee hinter der Maßnahme: Müssen Geschäftsbanken auf ihre bei der Zentralbank geparkte Liquidität einen Strafzins zahlen, wird dieses Geschäft für sie unattraktiv. Stattdessen sollen sich die Geschäftsbanken verstärkt bemühen, ihre Liquidität in Form von Krediten an andere Banken oder Unternehmen auszugeben. Ziel ist, so die Konjunktur anzukurbeln.

Stärkerer Konsumanreiz

Geht der Plan der EZB auf, bildet sich eine indirekte Wirkungskette: Die Geschäftsbanken reichen die Zinskosten über negative Einlagezinsen an ihre Kunden weiter. Diese wiederum sollen dann einen stärkeren Anreiz haben, die Gelder für Konsum- oder Investitionszwecke einzusetzen. Es ist jedoch mehr als fraglich, ob diese gewünschten Effekte in einem Umfeld konjunktureller Schwäche tatsächlich eintreten. Es wäre auch denkbar, dass Banken und Kunden negative Einlagezinsen und die damit verbundenen Belastungen auf der Ertragsseite als ein notwendiges Übel akzeptieren. Oder es kommt zu Ausweichreaktionen, indem die Banken zum Ausgleich der Mehrkosten die Zinsen auf Kundenkredite anheben.

Fragwürdiger Nutzen

In der Eurozone gibt es zudem einen Sondereffekt: Die Geschäftsbanken halten noch immer einen dreistelligen Milliardenbetrag aus den zwei Langfristtendern – also der Zuteilung von Geld durch die EZB – von Ende 2011/Anfang 2012. Ein negativer Einlagezins bei der Zentralbank könnte die Banken dazu veranlassen, diese Gelder vorzeitig an die EZB zurückzuzahlen. In der Folge würde die Überschussliquidität abnehmen. Geld würde wieder knapp, was einen Anstieg der Geldmarktsätze nach sich ziehen würde. Es gäbe also eine paradox anmutende Wirkungskette, wonach eine Leitzinssenkung der Notenbank zu höheren Zinsen im Geldmarkt führen würde. Der Nutzen negativer Einlagezinsen ist umstritten, die Auswirkungen sind unklar, Erfahrungswerte kaum vorhanden – aus all diesen Gründen erachte ich es als sehr unwahrscheinlich, dass die EZB mit negativen Zinsen experimentieren wird. Allerdings: Es wurde ja schon so manche “Gibt’s nicht”-Behauptung widerlegt.

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Zum Gastautor
Kornelius Purps, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1999 im Team Economics & FX/FI Research der HypoVereinsbank. Seit Beginn seiner Tätigkeit bei der HVB zeichnet Purps für das tägliche Kommentieren der Marktentwicklungen verantwortlich. Derzeit verfasst Kornelius Purps den meistgelesenen deutschsprachigen Börsenbrief mit dem Schwerpunkt Zins- und Währungsmärkte.

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