12.02.2016
Serie

Familienunternehmen

Annette Roeckl: "Ich war eine kritische Jugendliche"

Handschuhe hat Annette Roeckl bis zu ihrem 20. Lebensjahr nie getragen. Sie war eine „kritische Jugendliche“, die mit dem Unternehmertum des Vaters fremdelte, hat sie einmal in einem Interview gesagt: „Ich habe alles in Frage gestellt, das Unternehmen, die Handschuhe, meine Zugehörigkeit dazu – ich wollte mich durch mich selbst definieren“. Erst spät entdeckt sie ihr Interesse am Familienunternehmen, das sie mittlerweile seit fast 13 Jahren führt. Die Chefin in sechster Generation, Mitglied im HVB Frauenbeirat und Mentorin des HVB Gründerinnen-Mentorings, über ihre Jugend und Gemeinsamkeiten zwischen Nachfolgerinnen und Gründerinnen.

Nachfolgerin mit "Haut und Haaren"

Töchternachfolge ändert nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Töchter selbst. Annette Roeckl weiß das. Aus eigener Erfahrung. 1992 war es, als die alleinerziehende Mutter eine Ausbildung in der Firma ihrer Eltern in München beginnt. „Ein rein pragmatische Entscheidung“, wird sie später sagen. Denn ihrem Sohn zuliebe will sie flexibel arbeiten. Mehr nicht.

Das ändert sich 1995, als sie für ihre erkrankte Mutter im Marketing einspringen muss: Es ist Herbst, die neue Kollektion steht an und bis Januar muss sie das neue Marketingkonzept umsetzen. Plötzlich merkt sie: „Das macht Spaß.“ Sie übernimmt weitere Aufgaben, betreut die Filialen, und begleitet den Vater schließlich zum Ledereinkauf nach Fernost, zur Produktion nach Rumänien. Die Entscheidung für die Geschäftsleitung im Jahr 2003 war folglich eine mit „Haut und Haaren“, erinnert sich die 48-Jährige, die in diesem Jahr als eine von sechs Mentorinnen im HVB Gründerinnen-Mentoring eine Existenzgründerin auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleiten wird.

Von der Werkstatt zur globalen Luxusmarke

Die Geschichte des Familienunternehmens Roeckl beginnt 1839 in der Kauffingerstraße 19 in München. Der Handschuhmachermeister Jakob Roeckl eröffnet dort eine Werkstatt mit Gerberei, in der er in Handarbeit Glacéhandschuhe fertigt und im angeschlossenen Ladenlokal verkauft. 1870 folgt eine Fabrik für 1.000 Arbeiter in der Isarvorstadt, am heutigen Roecklplatz. Mittlerweile ist aus dem Start-up von einst eine globale Luxusmarke geworden, mit rund 300 Mitarbeitern und 25 Millionen Euro Jahresumsatz.

Dass sich das Familienunternehmen 177 Jahre nach seiner Gründung so robust präsentiert, ist vor allem Annette Roeckls Verdienst: Sie entschied, das Sortiment jahresfähig zu machen und in den Filialen keine Fremdmarken mehr zu führen. Sie diversifizierte in den Bereichen Mode und Accessoires. Sie wandelte das Traditionsunternehmen in einen klar ausgerichteten Modekonzern mit Fokus auf Internationalisierung und Innovation. Apropos Innovation: Erwartet sie die auch von ihren Mentees? „Nicht nur, wichtig ist neben der Innovation auch der Mehrwert und die klare Fokussierung auf den Kundennutzen.“

Zur Person

Annette Roeckl, Jahrgang 1967, macht nach ihrem Abitur 1988 eine Ausbildung zur Handelsfachwirtin im elterlichen Betrieb. 2003 übernimmt sie die Roeckl Handschuhe und Accessoires GmbH & Co. Im selben Jahr zieht sich ihr Vater aus der Geschäftsleitung zurück. Annette Roeckl erweitert das Sortiment um Accessoires und eine eigene Taschenlinie. Sie lebt in München, ist geschieden und hat einen Sohn. Derzeit sieht es so aus, als ob er die Familientradition in siebter Generation weiterführt.

„Nachfolgerin und Gründerin ziemlich ähnlich“

Aber kann das überhaupt funktionieren, die Nachfolgerin eines Familienunternehmens als Coach einer Existenzgründerin? „Tatsächlich sind sich beide Typen von Unternehmerin viel ähnlicher, als es auf den ersten Blick erscheinen mag“ stellt Roeckl fest, denn Nachfolgerinnen wie Gründerinnen könnten:

  • neue Managementstrukturen aufbauen und ihren eigenen Führungsstil leben,
  • das Unternehmen und die eigene Persönlichkeit so aufeinander einstimmen, dass ein erfolgreiches System entsteht,
  • Familie und Beruf vereinbaren, ohne dadurch Abstriche bei Karriere oder Familie machen zu müssen.

„Nicht zuletzt sind es die Nachfolgerinnen und Existenzgründerinnen selbst, die beweisen können, dass sie genau am richtigen Platz sind“, so Annette Roeckl. Doch wer sich nicht zeigt, wird von anderen nicht gesehen. Und wer nichts voneinander weiß, kann nur schwer voneinander lernen. Annette Roeckl sieht das Programm deshalb auch als Chance für Gründerinnen, „Sie erhalten Coaching durch erfahrene Unternehmerinnen, können mit anderen Gründerinnen austauschen und profitieren von der Struktur und dem Netzwerk der HypoVereinsbank.“ Gefragt nach den Chancen von Gründerinnen im heutigen Wirtschaftsumfeld, antwortet Roeckl dann auch ganz als Mentorin: „Mit entsprechend innovativen und mehrwertstiftenden Produkten oder Dienstleistungen haben Gründerinnen im heutigen Wirtschaftsumfeld in jedem Fall die Chance, ihr Unternehmen erfolgreich auf- und auszubauen.“

Machen Sie mit!

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