FinTechs
11.06.2015

FinTechs

FinTechs: Zwischen Konkurrenz und Kooperation

Die Digitalisierung durchdringt unsere Welt zusehends. In nur einer Minute werden über vier Millionen Suchanfragen bei Google gestellt, 277.000 Tweets abgesetzt und 72 Stunden Videomaterial bei YouTube hochgeladen. Alltagsgegenständen wie Uhren oder Gabeln wird dank modernster Technik neues Leben eingehaucht. Natürlich ist auch die Finanzbranche von diesem Trend nicht ausgenommen. Experten rechnen damit, dass die Digitalisierung die Bankenwelt nachhaltiger verändern wird als die Finanzkrise. Bereits heute wickeln allein in Deutschland 16 Millionen aktive Paypal-Kunden Teile ihres Zahlungsverkehrs ohne Banken ab. Neben dem US-amerikanischen Marktführer gibt es noch eine Reihe anderer Unternehmen, die mit technologiebasierten Finanzdienstleistungen die Banking-Branche revolutionieren wollen. Als „FinTechs“ – eine Wortschöpfung aus „Finance“ und „Technology“ – machen diese Start-Ups Schlagzeilen. Einige von ihnen fordern mit aggressiver Rhetorik die klassischen Banken heraus. Doch welche Rolle spielen FinTechs schon heute im Banking-Alltag?

FinTechs sind Anbieter von technologiebasierten, teils neuartigen Finanzdienstleistungen. Zum Portfolio dieser Start-Ups gehören zum Beispiel Peer-to-Peer-Kredite, Factoring, Vermögensverwaltung, Scoring auf Basis frei verfügbarer Datenquellen (zum Beispiel aus sozialen Netzwerken), Crowdfinancing, Online-Pfandhäuser, Peer-to-Peer-Währungstausch, Bündelung individueller Finanzinformationen oder innovative PIN- und TAN-Verfahren. Im Gegensatz zu den klassischen Banken liegt ihr Vorteil in der Spezialisierung und den vollautomatisierten Prozessen, die dahinter stecken. Eine Studie der Unternehmensberatung Horváth & Partners rät klassischen Finanzdienstleistern, von diesen Stärken der FinTechs zu lernen. Doch auch alteingesessene Anbieter haben gegenüber den Branchenneulingen Vorteile. „Wir verfügen nicht nur über eine Bankenlizenz, sondern bei uns steht immer noch der persönliche Betreuer und damit der Mensch im Mittelpunkt unserer Beratung“, sagt Moritz Stigler, Leiter Business Easy, der Online-Beratung für Unternehmer bei der HypoVereinsbank. Nicht alle FinTechs haben in puncto Sicherheit, Datenschutz und Compliance dieselben Ressourcen wie herkömmliche Finanzinstitute, da besonders die Verfügbarkeit von qualifiziertem IT-Personal begrenzt ist. Auflagen und Regulatorik erschweren den Markteintritt und werden vor allem bei Wachstum zur Hürde. Doch FinTechs treten nicht nur als Challenger der „alten“ Banken auf, sondern sind ebenso komplementäre Partner. Sie unterstützen Banken bei der Digitalisierung von Produkten und können Prozesse oft schneller aufbauen wie etwa die White-Lables GiniPay oder lendstar. „Wir als Bank sehen unter den FinTechs viele verschiedene Partner. Das ist die positive Seite, die uns hilft, unsere Geschäftsmodelle nach vorne zu bringen“, so Stigler.

Digitale Bankenwelt

Sowohl Privat- als auch Unternehmenskunden haben heute das Bedürfnis, ihre Bankgeschäfte außerhalb von Filialöffnungszeiten und unabhängig von Zeit und Ort durchzuführen. Daher hat die HypoVereinsbank bereits vor zwei Jahren reagiert und mit der HVB Online Filiale und der Online-Beratung für Unternehmer, Business Easy, zwei digitale Betreuungsmodelle ins Leben gerufen. „Als ‚First Mover‘ sind wir auch für Unternehmer ein interessanter Gesprächspartner, wenn es darum geht, den eigenen Betrieb digital umzugestalten“, sagt Stigler. Die HVB sucht laufend den Dialog mit dem Markt. So kann die Bank das eigene Leistungsspektrum an die Bedürfnisse ihrer Kunden anpassen und gleichzeitig Trends im Banking aktiv mitgestalten. Beispiele sind der HVB-Burda Hackday, auf dem Entwickler neue Banking-Produkte coden, und die Kooperation mit dem FinTech Compeon als Partner für Unternehmensfinanzierungen.

Compeon: FinTech und Partner der HypoVereinsbank

Als Marktplatzmodell führt Compeon Angebot und Nachfrage in den Bereichen Finanzierung, Leasing und Geldanlage in einer virtuellen Welt zusammen. Kernkunden sind mittelständische Unternehmen und Freiberufler auf der einen und Banken, Sparkassen und Leasing-Gesellschaften auf der anderen Seite. „Wir sind als reiner Digitalkanal gestartet, haben im Lauf der Zeit aber festgestellt, dass der sehr anonyme Prozess den Anforderungen nicht gerecht wird. Heute bekommt jeder Kunde, der eine Anfrage auf Compeon einstellt, seinen persönlichen Assistenten. Augenblicklich testen wir auch einen Welcome-Call binnen 15 Minuten nach der Erstregistrierung“, erklärt Kai Böringschulte, Gründer und Geschäftsführer von Compeon. „Auf die schnelle Rückmeldung reagieren unsere Kunden durchweg positiv, denn so ein Verhalten kennen sie von ihrer Bank vielfach nicht. Auch eine Videoberatung ist in Planung. Wir sind überzeugt, dass dieses Tool schon bald branchenweit Standard sein wird.“

Anders als in der teils flüchtigen Berliner Start-Up-Szene wächst das münsterländische Unternehmen nur langsam und paart eine junge Unternehmenskultur mit erfahrenen Gründern und Senior-Beratern. „Der typische Gründer eines FinTech-Start-Ups ist nicht der Hochschulabsolvent. Wie wir sind es Menschen, die viel Erfahrung im Banking mitbringen, Prozesse kennen und wissen, wie Wertschöpfungen funktionieren“, so Böringschulte. „Unser Chef-Programmierer war jedoch erst 26 Jahre alt, als er bei uns anfing und kannte bis dato nur sein Sparbuch und Girokonto. In unfassbar schneller Geschwindigkeit hat er dann die Prozesse in sich aufgesogen und unsere Arbeit mit vielen kreativen Innovationen bereichert.“ Getrieben werden die Finanzvermittler von Traffic, Conversions und Effizienz. Als FinTech mit 17 Mitarbeitern entwickelt Compeon seine Prozesse in sehr agilen Zyklen weiter. „Bei uns muss man als Mitarbeiter recht leidensfähig sein“, kommentiert Kai Böringschulte schmunzelnd. „Denn es kann sein, dass der Prozess von letzter Woche heute bereits überholt ist.“

"Digitalisierung ist keine Frage des Alters, sondern der Innovationskraft der einzelnen Person."
Kai Böringschulte, Gründer und Geschäftsführer des FinTechs Compeon

Rund 150 Bankpartner sind derzeit auf Compeon aktiv. In einem eigenen Präferenzprofil können sie festlegen, welche Art von Produkten, Geschäften oder Regionen vermittelt werden sollen. So kann beispielsweise die Finanzierungsanfrage eines Hamburger Unternehmers direkt auf den Bildschirmen von Beratern in der Region gespielt werden. Die HypoVereinsbank hat von Anfang an das Potenzial des FinTechs erkannt und war Bank der ersten Stunde. „Wir sind Geschäftspartner“, betont Moritz Stigler. „Wir tauschen uns eng aus und haben viel voneinander gelernt. Compeon ist eines unserer Akquise-Tools, das wir nutzen können, ohne selbst Marketing zu betreiben.“ Für Moritz Stigler und die HypoVereinsbank war es besonders wichtig, mit einem professionellen Partner zu kooperieren, der das Bankgeschäft und die dahinterstehenden Abläufe kennt. Die durchschnittliche Finanzierungsanfrage beträgt 515.000 Euro. Hatten die Compeon-Gründer zunächst mit deutlich kleineren Volumina gerechnet, so zeigen sich hier die positiven Effekte der Medienkooperation mit der Holtzbrinck-Gruppe deutlich. „Denn der typische Leser der ‚Wirtschaftswoche‘ oder des ‚Handelsblatts‘ ist eben nicht der Kleinstgewerbetreibende, sondern der Mittelständler, der einen größeren Finanzierungsbedarf hat“, so Böringschulte. „Ebenfalls überrascht hat uns, dass uns auch Kunden jenseits der Sechzig via Google finden. Das zeigt: Digitalisierung ist keine Frage des Alters, sondern der Innovationskraft der einzelnen Person.“

Zukunft des Bankings: die stille Revolution

Aktuell kumulieren sich die Anbieter in den Bereichen Zahlungsverkehr und Crowdfinancing. Neben dem Platzhirsch Paypal arbeiten auch Google, Apple, Facebook und viele kleinere Tech-Unternehmen an eigenen Bezahlmodulen. „Ich denke, dass sich der Markt bald bereinigt“, prognostiziert Kai Böringschulte. Und Moritz Stigler ergänzt: „Die Zukunft einzelner FinTechs ist immer eine Frage der Skalierung. Sie brauchen Masse, um am Markt bestehen zu können.“ Der Herausforderung „Paypal“ begegnet die deutsche Finanzwirtschaft geschlossen und wird dieses Jahr einen eigenen Bezahldienst herausbringen. Auch bei diesem Projekt war die HypoVereinsbank federführend beteiligt.

Kenner der FinTech-Szene wie der Berater und Journalist André M. Bajorat schätzen, dass es künftig zu einem Unbundling von Bankprodukten kommen wird. Nischenbildung und Spezialisierung würden weiter an Bedeutung gewinnen. Doch gleichzeitig, so prognostiziert Bajorat, würde es Player geben, die die einzelnen Produkte aggregieren und für den Kunden zugänglich machen. „Für FinTechs ist die HypoVereinsbank schon heute ein interessanter Partner. Viele kommen mit ihren Kooperationswünschen auf uns zu“, sagt Moritz Stigler. „In Zukunft werden wir mehr und mehr FinTechs an unser Geschäft anschließen. Von ihrem Blick auf unsere Wertschöpfungskette können wir nur profitieren.“

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