11.04.2014

Finanzgeschichte

Von Olive bis Optionsschein: Geschichte der Derivate

Futures und Hebelprodukte sind nichts Neues. Unser Gastautor Richard Pfadenhauer weiß: Bereits vor Jahrtausenden nutzten Menschen  Terminkontrakte, um sich gegen Missernten abzusichern. Bei Oliven zum Beispiel.

Mesopotamien um 1.800 vor Christus: Ein Händler betritt ein Schiff, das mit Textilien und Gewürzen beladen im Hafen ankert und auf das Signal zum Ablegen wartet. Die geladene Ware hat er bereits Wochen vor Reiseantritt an einen Kunden verkauft, der nun auf seine Lieferung wartet. Das Risiko der Verschiffung tragen zwar beide, schließlich könnten die Tücher und Gewürze über Board gehen. Doch indem sich Käufer und Verkäufer bereits vor der beschwerlichen Schifffahrt handelseinig wurden, haben sie das Preisrisiko ausgeschaltet. Die geschilderte Situation ist ein klassisches Warentermingeschäft und typisch für die damalige Zeit.

Erste Derivate vor 3.800 Jahren

Eine der am besten erhaltenen frühen Beschreibungen für Derivate findet sich im Codex Hammurapi, welcher in der Zeit von 1.792 bis 1.750 vor Christus entstand. Der in Stein gemeißelte Kodex ist eine der ältesten Gesetzessammlungen der Welt. Die Bestimmungen über Geschäfte unter Kaufleuten waren darin zum Teil deutlich formuliert. Für gewöhnlich schickten diese unterstellte Agenten, sogenante Beutelträger, auf Handelsreisen in ferne Länder, um Waren auf Termin zu kaufen und zu verkaufen. Dafür wurden sie am Gewinn der Expedition beteiligt. Brachten die Geschäfte keinen Gewinn, war der Agent gezwungen, dem Kaufmann das Doppelte des ihm anvertrauten Kapitals beziehungsweise der Waren als Strafe zu bezahlen. Diese Vorgehensweise galt dem Kaufmann als finanzielle Absicherung.

Oliven ebnen Optionsscheinen den Weg

Bereits vor Jahrtausenden begannen auch die ersten Spekulationen. Zum Beispiel habe der griechische Philosoph und Wissenschaftler Thales von Milet durch die Konstellation der Sterne sowie den Flug der Zugvögel berechnet, ob die Olivenernte üppig ausfallen würde. So prognostizierte er in einem Jahr, dass für den Landstrich von Milet bis Chios eine reiche Olivenernte zu erwarten wäre. Demzufolge kaufte er Eigentümern von Olivenpressen in diesem Gebiet frühzeitig das Recht ab, die Ölmühlen zu einem günstigen Preis pachten zu können. Seine Kalkulation ging auf: Die Ernte fiel gut aus und der Ansturm der Bauern auf die Olivenpressen war so immens, dass die Mieten enorm anstiegen. In der heutigen Zeit hätte die Umsetzung seiner Prognosen – nämlich der Ankauf des Vermietungsrechts für die Olivenpressen – ihre Entsprechung in einem Call-Optionsschein.

Geburtsstunde des ersten Optionsscheins

Im Handel spielen Absicherungsgeschäfte von jeher eine Rolle. Besondere Bedeutung erlangten sie in der Blütezeit des Seehandels im 17. und 18. Jahrhundert. In der Zeit der großen Handelsgesellschaften wurden ganze Schiffsladungen schon vor Antritt der Reise verkauft. Weiterentwickelt wurde der Optionsgedanke im 19. Jahrhundert duch den US-amerikanischen Eisenbahntycoon und Financier Russell Sage.  Der betreute zur damaligen Zeit zahlreiche Spekulanten an der New Yorker Wall Street, die sich für den Kauf von Aktien Geld bei ihm borgten und als Sicherheit Aktien hinterlegten. Im 20. Jahrhundert brachten schließlich die ersten deutschen Unternehmen Optionsscheine auf den Markt. Vorreiter war die Karstadt AG, die 1925 an der Wall Street einen Optionsschein anbot.

Lufthansa startet Termingeschäft

Nach dem Börsenkrach von 1929 waren Termingeschäfte in Deutschland zeitweise verboten. Erst 1967 bot die Deutsche Lufthansa AG erstmals wieder eine Optionsanleihe an. Der Durchbruch in Sachen Popularität kam jedoch später, und zwar Mitte der 1980er Jahre. Experten führen das zurück auf die Entwicklung des komplexen Black-Scholes-Bewertungsmodells für Optionen. Dieses Modell ermöglichte die exakte Berechnung des Preises einer Option. Auch der damalige Börsenaufschwung in Japan trug dazu bei. Japanische Unternehmen nutzten während des Booms in den 1980er-Jahren Optionsanleihen, um sich zu einem niedrigen Zinssatz Fremdkapital zu leihen. Später kamen auch Derivate auf Zinsen, Kreditausfälle und Rohstoffe hinzu. Heute ist das Angebot sehr differenziert und an die Erfordernisse von Unternehmen und Anlegern angepasst. Auch für spekulative Investments mit Hebelprodukten und Tradingstrategien interessieren sich immer mehr Selbstentscheider unter den Privatanlegern. Damit hätte wohl selbst Thales nicht gerechnet.

Zum Gastautor

Richard Pfadenhauer ist Chefredakteur des onemarkets Magazins und des onemarkets Blogs  im Bereich Corporate & Investment Banking der HVB. Darüber hinaus ist er Autor des onemarkets Wochenkommentars, eines wöchentlichen Rück- und Ausblicks auf die Märkte. Als ausgewiesener DVFA-Aktienanalyst beschäftigt sich Pfadenhauer seit vielen Jahren mit den Finanzmärkten. Er gilt als ausgesprochener Derivate-Experte.

  1. 21. September 2014, 7:25

    Ich glaube nicht, dass damals mit Optionsscheinen gehandelt wurde, sondern eher mit richtigen Optionen. Optionsscheine sind ein zusätzlicher Schritt, quasi ein Derivat von Optionen, die Banken gegen Gebühr an ihre Kunden verkaufen.

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