18.09.2014

Historische Wertpapiere

Anleihen: Die heimlichen Herrscher

53 Prozent der Deutschen geben an, nur wenig über Finanzen zu wissen. Grund genug für uns, Ihnen Hintergrundwissen zu den wichtigsten Begriffen der Finanzwelt zu liefern. Diese Woche geht es um Anleihen, die heimlichen Herrscher der Weltpolitik. Von Italien aus haben sie bereits im 14. Jahrhundert ihren Siegeszug angetreten. Seitdem entscheiden sie über Krieg oder Frieden, Aufstieg oder Fall, Armut oder Reichtum mit.

Anders als bei Aktien erwirbt der Käufer einer Anleihe nicht einen Anteil eines Unternehmens, sondern verleiht den angelegten Betrag. Am Ende der Laufzeit erhält er das Geld nebst Zinsen zu einem meist festgeschriebenen Nennwert zurück. Heute nutzen nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen Anleihen, um sich am Kapitalmarkt Geld zu beschaffen. Zwar wurde die erste Unternehmensanleihe bereits 1602 von der Vereinigten Ostindischen Teekompanie herausgegeben, jedoch gewann diese Art der Rentenpapiere erst ab den 1980er Jahren an Bedeutung. Historisch betrachtet handelt es sich bei Anleihen, die auch Bonds oder Rentenpapiere genannt werden, also schlichtweg um Staatsschulden. Ein Blick nach Griechenland verrät, welche Brisanz Staatsanleihen bis heute haben. “Bisher dachte ich immer, wenn es die Reinkarnation gibt, dann will ich als Präsident oder Papst oder Baseballstar wiederkehren”, zitiert der Historiker Niall Ferguson Bill Clintons Wahlkampfmanager James Carville. “Aber jetzt will ich als Rentenmarkt wiederkehren, der schüchtert jeden ein.” Was ist das Besondere an Anleihen, dass sie selbst den Mächtigen dieser Welt das Fürchten lehren?

Eine Kriegslist macht Karriere

Staatsschulden sind nicht etwa eine Erfindung der Neuzeit. Bereits seit den 1360er und 1370er Jahren finanzierten italienische Stadtstaaten wie Venedig, Siena oder Florenz ihre Kriege gegeneinander mit Anleihen. Den Sieg auf dem Schlachtfeld trug nicht etwa der gerissenste, sondern der finanzkräftigste Kriegsherr davon: Denn nicht die Bürger der Städte zogen in den Kampf, sondern Söldner, deren Loyalität seit jeher käuflich ist. Nur woher sollten die christlichen Städte immer mehr und mehr Kapital nehmen, galten doch Zinsen als Wucher und damit als Sünde? Die Stadtväter von Florenz griffen zu einer List und verpflichteten alle wohlhabenden Bürger zu einer Leihgabe. Auch diese wurden verzinst, doch durch den Zwang galten die Zinsen offiziell als “Entschädigung” und erhielten so den kirchlichen Segen. Anfang des 15. Jahrhunderts machte geliehenes Geld rund 70 Prozent der florentinischen Stadteinnahmen aus. Schon in der italienischen Renaissance entwickelte sich daraus ein Anleihehandel und das Grundprinzip der Staatsanleihe war geboren: Je vertrauenswürdiger ein Herausgeber von Anleihen, auch Emittent genannt, ist, desto geringer sind die Zinsen, die der Emittent zahlen muss, um sich Geld zu leihen. Anleihen vertrauenswürdiger Anbieter sind trotz niedriger Zinsen meist beliebt und werden daher verstärkt nachgefragt.

Verbrannt im Glanz des Sonnenkönigs

Im oligarchischen System der italienischen Stadtstaaten funktionierte der Anleihehandel gut, denn Schuldner und Gläubiger waren dieselbe gesellschaftliche Gruppe. Es waren die reichen Bürger, die die Stadt regierten und gleichzeitig mit ihrem Geld beliehen. Dementsprechend hoch war die Rückzahlungsmoral der frühen italienischen Anleihen. Das änderte sich in den absolutistischen Monarchien des 16. und 17. Jahrhunderts. Frei nach dem Motto des Sonnenkönigs Ludwig XIV. “L’État, c’est moi – Der Staat bin ich!” zahlten die Herrscher des Absolutismus ihre Schulden zurück, oder eben nicht. Entsprechend risikoreich war es zu dieser Zeit, beispielsweise Anleihen des französischen oder spanischen Königshauses zu kaufen. Besser waren die Bedingungen für den Rentenmarkt in den Niederlanden des 17. und 18. Jahrhunderts. Hier kamen die wirtschaftlich günstigen Bedingungen eines großen Flächenstaats und eine politische Ordnung, die von republikanischen Institutionen aufrecht erhalten wurde, zusammen. Als Folge entwickelte sich dort der Markt mit einer Reihe neuartiger Anleiheprodukte weiter.

Der wahre Besieger Napoleons

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es wiederum ein Krieg, der das Anleihegeschäft beflügelte und schließlich in der Begründung des ersten modernen Finanzsystems in Europa mündete. Zur Finanzierung der Kriege gegen den Korsen Napoleon Bonaparte gab Großbritannien mehr Staatsanleihen aus denn je. Zwischen 1793 und 1815 verdreifachte sich die britische Staatsschuld auf mehr als das Doppelte des Sozialprodukts. Doch die Briten standen vor einem banalen Problem: Wie sollte das Geld von der Insel zu den Kriegsschauplätzen auf dem Kontinent gelangen? Die portugiesischen Kaufleute zum Beispiel akzeptierten keine britischen Wechsel, und das Münzgeld auf dem Seeweg an  Napoleons Kontinentalsperre vorbeizuschiffen, war äußerst riskant. Also beauftragte die britische Regierung den Bankier Nathan Rothschild, Geld an die Kriegsschauplätze zu schmuggeln. Rothschild hatte sich in ganz Europa ein Kreditnetzwerk aufgebaut, über das er Geld sammelte und mit Erfolg zur Front lieferte. Für seine nicht ganz ungefährlichen Dienste erhielt er eine stattliche Provision. Wichtigste Stützen für Rothschilds Geschäftskontakte waren seine Brüder, die sich an allen strategisch wichtigen Orten Europas niedergelassen hatten. Diesem Netzwerk verdankte er auch einen Wissensvorsprung über Sieg oder Niederlage an den Kriegsschauplätzen Europas. So gelang es ihm und seinen Brüdern, mit kühnen Transaktionen und geschickten Ankäufen britischer Anleihen ein geradezu märchenhaftes Vermögen aufzubauen und das bis heute durch die Familie Rothschild geführte gleichnamige Bankhaus zu gründen. “Geld ist der Gott unserer Zeit und Rothschild ist sein Prophet”, kommentierte der Dichter Heinrich Heine die Bedeutung der Rothschilds.

Aufstieg der Finanzbarone

Mit ihren in ganz Europa verteilten Familienmitgliedern begründeten die Rothschilds nach 1815 das erste moderne Finanzsystem. Ihr Einfluss ging so weit, dass auf ihren Wunsch hin fast alle Anleihen in Pfund Sterling gehandelt wurden. Da die Rothschilds den Rentenmarkt in Europa faktisch kontrollierten, war es für Staaten schwer, ohne ihre Hilfe Geld für Kriege zu mobilisieren. Das gab der Familie eine nicht unbedeutende politische Macht. Und die erstarkende Finanzwirtschaft brachte eine neue Oberschicht aus “Finanzbaronen” hervor: Anders als die bis dahin ausschließlich aus adligen Feudalherren bestehende Upper Class, waren die neuen Rentiers nicht ortsgebunden und konnten ihren Geschäften nachgehen, wo es ihnen beliebte.

Auf Baumwolle gebaut

Im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 gaben die Südstaaten zwei Anleihen an ihre eigene Bevölkerung aus. Doch im ländlich geprägten Süden mit seinen auf Sklavenarbeit basierenden, selbstversorgenden Farmen war liquides Kapital rar und das Geld aus den Anleihen bald verbraucht. Und Bonds, die die Südstaaten auf dem europäischen Markt lancierten, stießen kaum auf Interesse. Also schmissen die Südstaaten ihren größten Reichtum in die Waagschale: die Baumwolle. Sie platzierten eine Anleihe, die als Sicherheit ein Umtauschrecht gegen Baumwolle beinhaltete. Für sechs Pence Anleihe hatten Anleger einen Anspruch auf ein Pfund Baumwolle. Trotz der Niederlagen der konföderierten Armee bei Gettysburg und Vicksburg verdoppelte sich der Kurs der Anleihe, da gleichzeitig der Baumwollpreis in die Höhe schoss. Erst als die Nordstaaten die wichtigsten Häfen des Südens kontrollierten und dadurch ein Zugriff der Anleger auf die Baumwolle so gut wie unmöglich wurde, stürzte der Kurs der Anleihe ab. Um den Krieg weiter zu finanzieren, druckten die Südstaaten Geld, das nicht durch Sicherheiten gedeckt war. Als Folge entwickelte sich eine Hyperinflation, die der Wirtschaft des Südens den Todesstoß versetzte. Kurz darauf kapitulierten die einstigen Herren über riesige Baumwollplantagen auch militärisch.

Hyperinflation: Das Bindeglied zwischen den Weltkriegen

Auch die Hyperinflation, die in der Weimarer Republik zu irrwitzigen Geldscheinen in Milliardenhöhe führte, nahm ihren Anfang in Anleihegeschäften. Zwar verschuldeten sich während des Ersten Weltkriegs Großbritannien, Frankreich und die USA weit mehr als Deutschland, dennoch blieben die siegreichen Mächte von einer Hyperinflation verschont. Grund hierfür ist nicht etwa der Versailler Vertrag, wie es die Nationalsozialisten propagierten, sondern die Rolle des Rentenmarkts. Anders als die Ententemächte hatten die Mittelmächte und damit auch das Deutsche Reich keinen Zugang zum internationalen Rentenmarkt. Konkret bedeutete dies, dass Deutschland und Österreich in weit größerem Umfang Kredite bei ihren eigenen Staatsbanken aufnehmen mussten, was die Geldmenge vergrößerte. Gleichzeitig gab die Regierung immer mehr ungedeckte Anleihen aus, die auf dem Versprechen beruhten, dass der besiegte Feind letztlich die Rechnung begleichen würde. Nach der Niederlage versank Deutschland in einem Schuldenberg: Millionen von Kleinanlegern besaßen nun wertlose Kriegsanleihen und den Staat belasteten Reparationszahlungen, die dem Dreifachen des Nationaleinkommens entsprachen. Auf dem Höhepunkt der Inflation Ende 1923 erreichte sie eine jährliche Steigerung von 182 Milliarden Prozent. Kurz danach brachen Währung und Wirtschaft zusammen. Als Folge regierten Armut und Arbeitslosigkeit, die der Nährboden für den Aufstieg der Nationalsozialisten waren.

Eine Geschichte mit Open End

Auch wenn die Anleihe heute als Kriegsfinancier ausgedient hat, ist sie auch in der neueren und neuesten Geschichte an stürmischen Zeiten für Politik und Börse beteiligt. „Mein Herz schlägt für Anleihen”, sagt Sabine Traub, Leiterin Sales an der Börse Stuttgart. Traub hatte den Anleihebereich der Börse Stuttgart in den 90er -Jahren mit aufgebaut und ist auch heute noch von den Zinspapieren fasziniert. „Der Anleihemarkt ist deshalb so spannend, weil nicht nur volkswirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen, sondern auch politische Entwicklungen großen Einfluss haben. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren gab es Tage, an denen kaum etwas anderes gehandelt wurde als Staatsanleihen der Ukraine. Diese unterlagen wegen einer drohenden Staatspleite enormen Kursschwankungen und fielen zeitweise auf 20 Prozent, nur um kurze Zeit später wieder auf 100 Prozent zu steigen. Wer dort investierte, ging ein enormes Risiko ein, konnte aber auch einen großen Gewinn machen.“ Und auch Argentinien macht seit den 1970er Jahren immer wieder Schlagzeilen mit seinen Staatsanleihen. Bereits mehrfach stellte das lateinamerikanische Land seine ausländischen Schuldzahlungen ein. 1989 ging der Regierung gar das Papier zum Gelddrucken aus. Kurz darauf erreichte die monatliche Inflationsrate 100 Prozent und in Supermärkten kam es zu Aufständen, da sofortgültige Preiserhöhungen vom Supermarktleiter per Lautsprecher durchgesagt wurden. Galten Staatsanleihen von EU-Ländern bis zur Finanzkrise 2007 als vergleichsweise sichere Geldanlage, gerieten nun auch Euro-Staaten ins Straucheln. Nur der Aufkauf von Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank bewahrte Portugal und Spanien vor der Zahlungsunfähigkeit. “Die jüngere Geschichte mit den Ausfällen zum Beispiel der Anleihen von Argentinien im Jahr 2001 und Griechenland 2012 zeigt, dass Staatsanleihen keinesfalls so sicher sind wie gemeinhin angenommen”, erläutert Karl Obermeier, Anleihe-Experte der HypoVereinsbank, die neuesten Entwicklungen. “Letztlich gilt auch hier, dass Zahlungsfähigkeit und Zahlungswilligkeit des Schuldners für den Anlageerfolg entscheidend sind. Dennoch sind und bleiben Staatsanleihen ein Instrument der Staatsfinanzierung und können – je nach persönlichem Risikoprofil – ein wichtiger Teil des privaten Wertpapierdepots sein.”

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