HVB_Maecenata_Stiftung
24.03.2017
Interview

Maecenata Stiftung

Fahrtrichtung Zukunft: „Stiftungen brauchen Relevanz“

Er gilt es einer der profundesten Kenner der europäischen Zivilgesellschaft und Stiftungslandschaft: Der Berliner Politikwissenschaftler, Historiker und Stiftungsberater Dr. Rupert Graf Strachwitz. Mit seinem Fokus auf die Modernisierung des Stiftungssektors beweist der Szenekenner erneut kritischen Weitblick. Im Gespräch mit Tobias W. Karow, Stiftungsberater bei Rödl & Partner, führt der Vorstand der Münchner Maecenata Stiftung aus, welche Rolle Stiftungen in der Gesellschaft spielen sollten, in welchen Bereichen sie vor den größten Herausforderungen stehen und warum Veranstaltungen wie der MünchnerStiftungsFrühling so wichtig für die Entwicklung des Sektors sind.

Herr Dr. Graf Strachwitz: Vom 24. bis 30. März findet mit dem MünchnerStiftungsFrühling, eine Veranstaltungswoche für Stiftungsinteressierte statt. Wie bewerten Sie diesen Event?

Für uns als Maecenata Stiftung ist der MünchnerStiftungsFrühling ein wichtiges Ereignis. Er hat gegenüber den anderen Stiftungsveranstaltungen den Vorteil, dass stiftungsinteressierte Menschen und Stiftungsverantwortliche zum gegenseitigen Austausch aufeinandertreffen. Ganz besonders an den ersten beiden Tagen, wo ja in der BMW-Welt buchstäblich eine Stiftungslandschaft mit vielen verschiedenen Marktständen etabliert wurde.

Interessant, dass Sie das sagen! Denn gerade der zentrale Auftakt wird auch durchaus kritisch gesehen.

Ich finde das wunderbar! Für uns als Maecenata Stiftung ist genau das ein Grund, warum wir uns an der Veranstaltung beteiligen. Wir treffen dort ein interessiertes Publikum und haben die Chance, uns zu präsentieren. Uns ist es wichtig, die Beiträge, die Stiftungen zu einer starken Zivilgesellschaft und zum gesellschaftlichen Wandel leisten, gegenüber den Bürgern sichtbar zu machen. Unsere Visionen müssen in die Öffentlichkeit getragen werden. Der MünchnerStiftungsFrühling folgt dieser Idee: Jeder kann beispielsweise an den Marktständen in der BMW-Welt vorbeikommen und sich informieren. So bekommen Stiftungen die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Besonders auch zu Menschen, die sie ohne eine solche Veranstaltung vielleicht gar nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Und auch für das Publikum ist es eine große Bereicherung. Wann kann man schon mal einfach so in eine Stiftung reinschauen?

Für die deutsche Stiftungslandschaft gibt es also jede Menge zu tun. Was wünschen Sie sich für den MünchnerStiftungsFrühling?

Im Konzert der zivilgesellschaftlichen Organisationen nimmt die Bedeutung von Stiftungen meiner Wahrnehmung nach zu. Die größte Herausforderung sehe ich darin, dass Stiftungen heute viel mehr an sich arbeiten müssen. In der Vergangenheit hat man nur zu oft beobachten müssen, dass Stiftungen sich selbst und ihresgleichen gerne auf die Schulter klopften, dabei aber den Willen zur Selbstoptimierung vermissen ließen. Das aber gehört dazu, Stiftungen müssen sich also zunehmend an der eigenen Nase fassen. Außerdem muss die Stiftungsarbeit gesellschaftlich eine gewisse Relevanz haben. Viele Stiftungen erfüllen diese Anforderungen, andere müssen jedoch darüber nachdenken, ob ihr Programm und ihre Projekte noch in die Zeit passen oder ob man Projekte mal anders anpackt. Auch dafür bildet der MünchnerStiftungsFrühling übrigens eine wichtige Plattform. Die Begegnung mit anderen Stiftungen und der Austausch mit interessierten Menschen, können sehr inspirierend sein und Mut machen, sich für Neues zu öffnen. Viele Stiftungen sind diesbezüglich auch schon auf einem guten Weg.

Über den Interview-Partner: Dr. Rupert Graf von Strachwitz

Dr. Rupert Graf Strachwitz ist Politikwissenschaftler und Historiker und arbeitet bereits seit 1987 im Stiftungswesen. 1989 gründete er eine Beratungsgesellschaft für gemeinnütziges Handeln, die Münchner Maecenata GmbH. Heute leitet er das Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt Universität zu Berlin und wirkt als Vorstand der Maecenata Stiftungen, einem unabhängigen Think Tank zu den Themenfeldern Zivilgesellschaft, Bürgerengagement und Stiftungswesen.

Um beim Thema Optimierung zu bleiben. Wo müssen Stiftungen Ihres Erachtens professioneller werden?

Professionalisierung wird in meinen Augen häufig falsch verstanden, weil man dann automatisch an professionelle, also hauptamtliche Mitarbeiter denkt. Das ist aber nicht gemeint, vielmehr geht es darum, dass auch ein ehrenamtlicher Stiftungsvorstand professionell arbeiten kann. Zum Beispiel hinsichtlich der Erfüllung des Stiftungszwecks in Zeiten, in denen die Renditen nicht mehr so sprudeln, wie das früher einmal war. Der Renditeverfall setzt etlichen Stiftungen doch erheblich zu. In den vergangenen 40 Jahren sind zudem viele Stiftungen dem Modell der Kapitalförderstiftung gefolgt, also ein Modell, das sich aus Erträgen speist. Kommt jemand mit einem Projektantrag, wird das dafür notwendige Kapital ausgereicht. Dieses Modell kommt nun an seine Grenzen. Stiftungen sollten deshalb ihren Fokus verändern, sich vielmehr als Unternehmung verstehen und selbst etwas anpacken. Ein dritter Aspekt ist die Frage, mit wem eine Stiftung zusammenarbeiten kann. Früher gab es die Tendenz, staatliche Einrichtungen zu unterstützen. Das hat sich inzwischen verschoben. Viele Stiftungen haben entdeckt, dass eigentlich die anderen zivilgesellschaftlichen Einrichtungen ihre nächsten Verwandten sind. Das ist eine sehr gesunde Entwicklung, denn die meisten zivilgesellschaftlichen Organisationen leben in einer systembedingten Unsicherheit: Sie haben immer zu wenig Mittel für ihre Ziele. Da kann die Zusammenarbeit mit einer Stiftung eine wichtige und hilfreiche Sache sein.

Für die deutsche Stiftungslandschaft gibt es also jede Menge zu tun. Was wünschen Sie sich für den MünchnerStiftungsFrühling?

Ich würde mir wünschen, dass man den MünchnerStiftungsFrühling vielleicht noch ein wenig mehr in Richtung eines persönlichen Engagements entwickelt. Schließlich ist die Stadt München durch ihre Willkommenskultur bekannt für ihr spontanes Engagement. Was wir brauchen, sind nicht nur Stiftungen als solche, sondern vor allem auch Unterstützer, die dabei helfen, den Stiftungssektor zu modernisieren. Das sollten wir noch stärker betonen und noch mehr Brücken bauen.

Über den Autor: Tobias Karow

Tobias Karow ist sowohl diplomierter Politikwissenschaftler als auch zertifizierter Stiftungsberater und bei Rödl & Partner im Team Wealth, Risk & Compliance Leiter Stiftungen und Strategie 4.0. Hier beschäftigen den begeisterten Skifahrer und bekennenden Fan des FC Bayern Themen wie der Transparenzbericht (www.transparenzbericht.com), ein Tool, das die Kapitalanlage von Stiftungen professionalisiert. Außerdem treibt ihn derzeit die Frage um, wie die Digitalisierung Stiftungspraxis insgesamt besser machen kann.

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