Landwirtschaft 4.0: App zur digitalen Nutztierdatenerfassung
30.08.2016
Serie

Landwirtschaft 4.0

Landwirtschaft 4.0: Rocket Science auf dem Bauernhof

Selbstfahrende Mähdrescher, Melkroboter, Drohnen zur Schädlingsbekämpfung und Computersysteme, die die Tiergesundheit überwachen: Analog zur Industrie 4.0 erobert Big Data zusehends auch die Landwirtschaft, auf deutschen Bauernhöfen übernehmen immer häufiger smarte Softwaresysteme das Kommando. Für einen effizienten Workflow in der digitalen Nutztier-Datenerfassung entwickelt das Koblenzer Start-up Karla derzeit eine App, die den Dokumentationsprozess nicht nur vereinfachen, sondern auch transparenter gestalten soll. 

Grasende Kühe auf der Weide, grunzende Schweine, leuchtend gelbe Rapsfelder und ein krähender Gockel auf dem Mist: Beim Gedanken an die Landwirtschaft verfällt man schnell dem schwärmerischen Bild eines naturbelassenen Biotops. Zugegeben: Einen Hauch Idylle findet sich in vielen Agrarbetrieben immer noch. Und trotzdem: Bauernhofromantik war gestern, denn mittels moderner Technologien rüsten viele Landwirte im Moment gewaltig auf. Was noch vor wenigen Jahren gewöhnliche Gehöfte, Ställe oder Felder waren, sind heute hoch vernetzte Hightech-Betriebe geworden. Laut Situationsbericht 2015/16 des Deutschen Bauernverbands nutzt bereits fast jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb Industrie 4.0-Anwendungen, in Betrieben über 100 Hektar ist es sogar jeder Dritte.

Karla: Mobile App zur Nutztierdatenerfassung

Dass intelligente Systeme nicht nur die gesellschaftliche Zukunft sind, sondern auch den Komfort für Landwirte erhöhen können, hat Mareile Wölwer, eine von insgesamt sechs Gewinnerinnen des HVB Gründerinnen-Mentoring 2016, längst erkannt. Durch ihre Mitarbeit im elterlichen Agrarbetrieb hat die 22-jährige Betriebswirtin schnell gemerkt, wie ineffizient manche Workflows auf dem Bauernhof funktionieren. „Als ich meine Mutter krankheitsbedingt vertreten musste, habe ich die EU-weit verordnete Nutztierdatenerfassung für sie übernommen“, erinnert sich Wölwer, die aus der rheinlandpfälzischen Stadt Mayen in der Nähe von Koblenz stammt. „Den Datenerfassungs- und -verarbeitungsprozess empfand ich als ausgesprochen zeitraubend und intransparent. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich nach Lösungen gesucht, die Dokumentation und Datentransfer für Landwirte und ihre Stakeholder, in unserem Fall Tierärzte und Schlachtereien, effizienter gestalten können.“ Herausgekommen ist die Gründung ihres Start-ups Karla und die Entwicklung einer App, die die Erfassung und den Austausch von Nutztierdaten via Smartphone oder Tablet möglich macht.

Systemintegration und Benutzerfreundlichkeit im Fokus

Gemeinsam mit ihren Kollegen Felix Röllecke (links im Bild) und Maximilian Harland tüftelt die junge Gründerin täglich an ihrer mobilen Anwendung, die bereits im Herbst auf den Markt kommen soll. Aktuell feilt das Team noch an der technischen Umsetzung der Module, erste strategische Partnerschaften sind bereits akquiriert. „Im Vergleich zu aktuellen Lösungen wollen wir eine mobile Anwendung entwickeln, die mit Drittanbieter-Software, also zum Beispiel mit Farm-Management-Systemen oder auch mit anderen Stakeholdern wie Tierärzten oder Schlachthöfen kommunizieren kann“, so Wölwer. „Ein weiterer Schwerpunkt unserer App: Sie soll möglichst einfach und intuitiv bedienbar sein.“ Die wenigen bislang verfügbaren Applikationen seien sehr komplex und für den Nutzer wenig transparent, ergänzt die 22-Jährige. „Unsere Alleinstellungsmerkmale gegenüber Wettbewerbern sind also hohe Mobilität, hundertprozentige Systemintegration und Nutzerfreundlichkeit.“

Starke Regulierung als Herausforderung

Die besondere Herausforderung ihrer Gründung im Bereich Smart Farming sieht die Rheinlandpfälzerin in der starken Regulierung des Marktes und der größtenteils sehr konservativen Prägung der Agrarbranche. Dennoch ist sie zuversichtlich und erhofft sich Offenheit und Interesse gegenüber ihrem innovativen Management-Tool. „Um Vertrauen in unser Produkt zu schaffen, haben wir uns Unterstützung von verschiedenen Ministerien eingeholt. So können unsere Nutzer sicher sein, dass ihre Daten von unserer App korrekt und regelkonform verarbeitet und geschützt werden.“ Ihre Vision, die sie mit Karla realisieren will, geht übrigens weit über die Technik hinaus. „Aktuell sind in der Landwirtschaft nur wenige Frauen in Führungspositionen anzutreffen. Ich fände es schön, wenn sich das in Zukunft ändern würde.“

Kreativer Austausch der Unternehmerinnen-Generationen

Ein erstes Etappenziel mit Karla besteht für sie jedoch darin, den harten Arbeitsalltag von Landwirten zu erleichtern. Mit ihrem innovativen Ansatz im Bereich Smart Farming hat Wölwer übrigens nicht nur Ministerien und Partner, sondern auch die Jury des HVB Gründerinnen-Mentoring überzeugt. Von ihrer Mentorin Prof. Susanne Porsche erwartet sie sich offenes Feedback – nicht nur zum Business-Modell, sondern auch dahin gehend, wie sie sich als Unternehmerpersönlichkeit weiterentwickeln kann. „Für wichtige strategische Entscheidungen, die demnächst anstehen, ist es natürlich super, wenn ich auf die Erfahrung und das Know-how einer erfolgreichen Geschäftsfrau zurückgreifen kann“, freut sich die Gründerin. „Außerdem wünsche ich mir einen regen Austausch, in dem beide Unternehmer-Generationen voneinander lernen und profitieren können.“

Smart Farming Wenn Software Leckerchen verteilt

Landwirtschaft 4.0, im Fachjargon auch Smart Farming oder auch Präzisionslandwirtschaft genannt, beschreibt einen Digitalisierungsprozess, der die Wertschöpfungskette der Agrarbranche immer stärker durchdringt. Sinkende Erträge, Ressourcenknappheit, neue Auflagen, etwa zum Umwelt- und Tierschutz, sowie die gesetzlich vorgeschriebene Dokumentationspflicht, erfordern effiziente Produktionsprozesse und setzen Landwirte seit einigen Jahren gewaltig unter Druck. Die innovative Lösung: Das Internet der Dinge, das aus deutschen Bauernhöfen intelligent vernetzte Systeme macht. In der Praxis kommunizieren also Maschinen mit Maschinen, tauschen Daten mit Stakeholdern aus, Produktionsprozesse und Fahrzeuge steuern autonom. Immer häufiger treffen Softwaresysteme und Sensoren sogar Entscheidungen für den Bauern, zum Beispiel ob die Kuh noch gemolken werden muss oder ob sie heute schon ihr Kraftfutter bekommen hat.

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