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02.09.2014

Modeguide

Stilkritik: Der Mann und sein Portemonnaie

Von Frauen bewundert zu werden, ist eine der größten Herausforderungen im Leben des heterosexuellen Mannes. Und auch wenn es in der Anthropologie eine Binsenweisheit ist, dass die Evolution des Menschen von den Frauen geprägt wird, die unter balzenden Männern ihre Wahl treffen, gebe ich Ihnen einen Rat: Vergessen Sie Sinnbilder wie große Höhle, große Kutsche, großes Ego. Wenn Sie eine Frau für sich gewinnen wollen, müssen Sie mit der Summe Ihrer Eigenschaften glänzen – und Stilempfinden bei der Wahl des Portemonnaies.

Erst der Metro-, dann der Retro- und nun der Spornosexuelle. In regelmäßigen Abständen sehnt sich die Welt nach einem neuen Typ Mann. Gute Chancen haben Sie derzeit als All-inclusive Modell aus sanftem Retter im Körper eines Holzfällers. Sie finden sich wieder? Glückwunsch. Jedoch ist es damit nicht getan, denn am Ende sind nicht skulptierter Körper und auf dunkle Tiefe programmierte Augen entscheidend, sondern Stilempfinden und guter Geschmack – auch in Detailfragen. Jedoch sind Männer mit diesen ästhetischen Idealen rar in Deutschland. Ein Umstand, der die wenigen Exemplare für Frauen umso begehrenswerter macht.

Was ist Stil?

Der deutsche Autor, Publizist und Stilberater Bernhard Roetzel (Modeguide für Männer) gibt eine leicht philosophische Antwort: “Stil ist für mich das erkennbare Bemühen, seiner dinglichen Umgebung und der eigenen Erscheinung eine bestimmte Form zu geben.” Ein Bemühen, auf das Deutschlands Männer wenig Wert legen. Nehmen wir als gutes Beispiel dafür das Portemonnaie. Gefühlte 90 Prozent nutzen das Modell “Durchschnitt” aus braunem Kunstleder. Das eigentlich Bemerkenswerte daran ist jedoch, dass die meisten Männer offenbar nicht nur denselben Typ Geldbeutel besitzen, sondern ihn auch an derselben Stelle parken – in der Hosentasche hinten rechts, samt Beule plus charakteristischer Lochbildung. Die Börse in der Gesäßtasche? Für Roetzel ein absolutes No-Go.

Roetzel: “Nicht Sichtbares vernachlässigt”

Aber warum hat das Gros der deutschen Männer kein Stilempfinden bei Auswahl und Handhabung von Geldbörsen? “Was nicht sichtbar ist oder nur selten ans Tageslicht kommt, wird in Deutschland grundsätzlich vernachlässigt. Sie können eine ähnliche Geschichte über die Unterwäsche der Männer schreiben”, konstatiert Stilexperte Roetzel. Hinzu kommt für sein Empfinden eine immer ausgeprägtere Geiz-Mentalität: “Das Geld soll in der Börse bleiben und schon gar nicht für ein teures Ledermodell ausgegeben werden.” Was schade ist, denn Stilempfinden und Anspruch an Qualität erweisen sich besonders an Details und bei Gebrauchsgegenständen, die nicht so augenfällig sind.  “Das teure Auto und die speziellen Felgen müssen sein, ein gutes Portemonnaie eben nicht – das denken viele, es ist aber nicht richtig”, korrigiert Roetzel. Ihm ist es sympathischer, jemand fährt mit der Straßenbahn ins Büro und trägt dafür vielleicht ein hochwertiges Accessoires.

Edles aus Hessen und Staffordshire

Bernhard Roetzel selbst trägt übrigens eine Schüttelbörse für die Münzen in der Hosentasche und in der Innentasche des Sakkos ein kleines Portemonnaie für Scheine und Karten. “Wenn ich im Sommer nur ein Polohemd trage, steckt das Portemonnaie in der Seitentasche der Hose.” Man kann also mit einer Geldbörse durchaus Business und Freizeit stilvoll bestreiten – “selbstverständlich auch in Braun”, beruhigt Roetzel. Sie und ich müssen also nicht zwingend unser Portemonnaie auf die Schuhfarbe abstimmen. Lediglich bei der Abendgarderobe rät der Experte zu einer schwarzen, flachen Brieftasche. “Manufactum hat hier ein schönes Sortiment.” Darüber hinaus empfiehlt Bernhard Roetzel klassische englische Marken wie Papworth oder Danes & Hathaway – feines Understatement, mit dem Mann immer richtig liegt. “In Deutschland halte ich viel von der kleinen Ledermanufaktur von Bernd Kreis aus Obertshausen. Er bietet echte Spezialitäten.”

Bevor wir unsere Körper also weiterhin in überteuerten Sportstudios formen, um der Traumfrau zu gefallen, sollten wir unser Geld besser in eine geschmackvolle Geldbörse investieren.

Zur Person

Bernhard Roetzel, Jahrgang 1966 ist Stilberater, Blogger und Herausgeber u.a. der Bücher “Der Gentlemen“, “Mode Guide für Männer” sowie “Schuh Guide für Männer“. Auf seinem Blog schreibt der studierte Grafikdesigner über aktuelle Stilfragen der klasisschen Herrenmode.

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