18.09.2015

Mode-Ausstellung

Gaultiers Modenschau der anderen Art

Anders zu sein bedeutet, die eigene Identität zu leben. Kultdesigner Jean Paul Gaultier zeigt in seiner Mode-Ausstellung in der Kunsthalle München, wie anders er ist.

63 – 40 – 160. Nein, das sind nicht die neuen Topmodelmaße. Das sind die Eckdaten der neuen Ausstellung der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Der 63-jährige Jean Paul Gaultier, der seit über 40 Jahren zu den bedeutendsten Couturiers der internationalen Modewelt zählt, zeigt in seiner Mode-Ausstellung „From the Sidewalk to the Catwalk“ rund 160 seiner Kreationen.

„Gaultier hat nie Trends nachgeahmt – er hat sie geschaffen.“

Zum ersten Mal überhaupt dürfen sich die Besucher der Kunsthalle München auf eine Mode-Präsentation freuen. Und was für eine. Nach Montreal, San Francisco, New York, London, Paris und Stockholm folgt nun München. Die Kunsthalle feiert ihr 30-jähriges Jubiläum mit der Modenschau der anderen Art – und das exklusiv in Deutschland.

Kurator Thierry-Maxime Loriot erzählt uns im Interview mehr über sein Gesamtkunstwerk, das dem Besucher in einer opulenten Show den Geist Gaultiers erleb- und spürbar macht.

Herr Loriot, können Sie uns mehr über das Konzept der Ausstellung verraten?
„Jean Paul Gaultier wollte nie eine Ausstellung mit seinen eigenen Kreationen machen, da für ihn solche Ausstellungen eher wie Beerdigungen wirken. Es ist nicht seine Art, mit Nostalgie an seine Vergangenheit zurückzudenken. Er richtet den Blick lieber nach vorne und konzentriert sich auf seine nächsten Projekte. Daher ist die Ausstellung auch keine Retrospektive, wir haben sie als eine zeitgenössische Installation mit thematischem Aufbau betrachtet. Es ist eine verwunschene Reise durch die Leidenschaften und Obsessionen von Jean Paul Gaultier: von Matrosen zu Korsetts, von Punks zu Pariserinnen. Alles in allem betrachtet er diese Ausstellung als seine bislang größte Modenschau. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, seine Kreationen chronologisch darzustellen, da seine Werke schlicht zeitlos sind. Das erste Kleid aus dem Jahr 1971 befindet sich neben einem Entwurf der vergangenen Saison, unter den sich wiederum Prêt-à-porter aus den Achtzigerjahren mischt. Gaultiers Ideen und seine Eleganz fließen nahtlos durch die Jahrzehnte und sind immer noch brandaktuell. Es ist mehr als Mode. Gaultier hat nie Trends nachgeahmt: Er hat sie geschaffen.“

Was erwartet die Besucher? Warum sollte jeder in München diese Ausstellung gesehen haben?
„Mit der Gaultier-Ausstellung feiern wir die 100. Ausstellung der Kunsthalle. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, Haute Couture und die Arbeit des Modeschöpfers zu bewundern. Heutzutage ist es einfacher, einen Picasso oder einen Monet im Museum zu sehen als ein Haute-Couture-Kleid. Nur einige wenige Auserwählte wie Schauspielerinnen, Kunden, Royals und bedeutende Modejournalisten erhalten eine Einladung zu den Modenschauen. Aber auch sie sehen die Kleider – wenn überhaupt – nur zwei Minuten auf dem Laufsteg. Dabei stecken in einigen der Kreationen mehr als 1.600 Arbeitsstunden. Es werden Details der einzigartigen Handwerkskunst aus dem Pariser Mode-Atelier gezeigt – Details, die auch auf den Nahaufnahmen der großen Modemagazine nicht zu sehen sind. Und es sind auch einige Werke ausgestellt, die Gaultier eigens für München geschaffen hat. Ein Besuch lohnt sich also!“

Welche Bedeutung hat München als Ausstellungsort für Sie?
„Angesichts des herzlichen und aufrichtigen Empfangs, der syrischen Flüchtlingen hier bereitet wurde, ist es meines Erachtens wichtiger denn je, diese Ausstellung in München zu zeigen. In diesem Land und in dieser Stadt lassen sich dieselben Werte finden wie in Gaultiers Werken: die Vision einer offenen Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung, keine Tabus gibt, in der jeder willkommen ist, unabhängig von Alter, Glaube, Geschlecht, Hautfarbe und sexueller Orientierung. Es ist eine sehr starke Botschaft an die Gesellschaft, die sich jeder zu eigen machen sollte: ein Beispiel über alle Generationen hinweg und ein Paradebeispiel für Akzeptanz und Toleranz.“

Gibt es für Sie in der Ausstellung ein persönliches Highlight, und wenn ja, welches? 
„Es gibt unzählige Highlights! Für jeden ist etwas dabei: Fans von Madonna, Kylie Minogue, Beyoncé und Conchita Wurst können Bühnenkostüme aus nächster Nähe bestaunen, die Gaultier für die Sängerinnen entworfen hat. Auch Filmliebhaber kommen auf ihre Kosten: Gaultier hat für zahlreiche Kultfilme Kostüme entworfen, u.a. für ‚Das fünfte Element‘ von Luc Besson, ,Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber‘ von Peter Greenaway und für drei Filme von Pedro Almodóvar. Oder auch für etliche Musik-Videos von Tina Turner und sogar für Kurt Cobain von Nirvana. Es gibt demnach viel zu entdecken! Und auch die Fotografie kommt nicht zu kurz. Es werden bedeutende Werke von herausragenden Künstlern und Fotografen wie Irving Penn, Peter Lindbergh, Cindy Sherman oder Pierre & Gilles zu sehen sein, die der Öffentlichkeit zum ersten Mal in dieser Zusammensetzung gezeigt werden.“

Die Ausstellung „From the Sidewalk to the Catwalk“ ist vom 18. September 2015 bis 14. Februar 2016 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung (Theatinerstraße 8, 80333 München) zu sehen.

Zum Schluss noch ein kleiner Tipp: Jeden dritten Mittwoch im Monat ist die Ausstellung bis 22 Uhr geöffnet. Also nutzen Sie Ihren Afterwork doch einfach mal für einen Besuch der Kunsthalle München und lassen ihn bei DJ-Musik im Café Kunsthalle ausklingen.

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