23.10.2015
Tipp

Partnerschaft

Haus und vorbei? Wie Sie Beziehungskrisen beim Hausbau vermeiden

Sie will eine offene Küche, er eine geschlossene. Sie besteht auf bodentiefe Fenster, ihm reicht der hüfthohe Standard. Und Tapeten sind schon mal gar nicht ihr Ding. Wenn überhaupt eine Wandverzierung, dann höchstens Rauputz. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Fakt ist: Ein Hausbau ist für jede Beziehung eine Bewährungsprobe. Nicht umsonst sagt der Volksmund: „Baue ein Haus, und du siehst, wie stabil deine Beziehung ist.“ Wohn- und Architekturpsychologe Herbert Reichl erklärt, warum so viele Beziehungen am Hausbau scheitern und wie Paare dem vorbeugen können.

Allzu oft zeigt sich während des Hausbaus, dass Beziehungen nicht stabil sind. Dann sind es zwei Szenarien, die bei Paaren zur Trennung führen, weiß Herbert Reichl. „Zum einen ist es die Überforderung, die zu übermäßigem Stress führt. Zum anderen ist es eine Unausgewogenheit in der Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse.“

Wenn der Beziehungsstress zementiert wird

Einer der Fehler, den Paare häufig begehen, ist der, dass sie den finanziellen Rahmen zu hoch ansetzen. „Viele überschätzen aber auch die Zeit und Energie, die sie in den Hausbau durch Eigenleistung investieren können“, berichtet der Psychologe. „Häufig werden dann Familie und Kinder vernachlässigt, weil sich alles nur noch um den Hausbau dreht.“

Dass einem Partner der Hausbau wichtiger ist als dem anderen, ist ebenfalls keine Seltenheit: „Von einer Woche zur anderen änderte er sich sehr, wurde zu einem Menschen, der nur noch über das Haus nachdachte und plante. Zweisamkeit gab es kaum mehr. Eines Tages zog ich den Schlussstrich. Ich nahm meine Sachen, heulte mir die Augen aus und ging“, schreibt eine Frau in einem der zahlreichen Online-Foren zum Thema. Und nicht selten kommt beides zusammen.

Reife Beziehungen im Vorteil

Fragt man Hausbau-Coach Herbert Reichl, ob die Dauer einer Beziehung beim Hausbau eine Rolle spielt, sagt der: „Frische Beziehungen sind meist gekennzeichnet von einer ausgeprägten Romantik und Verliebtheit. Dieser Idealisierung des Partners folgt in späteren Phasen dann das Wissen um die Stärken und Schwächen des anderen. Durch diese Wertschätzung kann man besser mit Konflikten umgehen und der Hausbau wird problemloser zu bewältigen.“

Doch egal, ob eine Beziehung frisch ist oder bereits mehrere Jahre besteht: Viele Paare nehmen sich zu wenig Zeit, um über ihre Wünsche und Bedürfnisse zu sprechen, beobachtet Baumeister Reichl: „Wenn sie dann in der Phase der Verliebtheit durch den Hausbau viele Enttäuschungen erleben, kann dies schnell in eine ernste Beziehungskrise münden.“ Entscheidend ist für den Experten deshalb, dass bereits vor Planungsbeginn alle Fragen angesprochen und geklärt werden.

Offene Räume vs. Rückzugsbereiche

Die wichtigsten Fragen sind sicherlich: Wo soll gebaut werden? Und welche Bedürfnisse sollen durch den Hausbau befriedigt werden? Sind sich die Partner einig, ergänzen sie sich oder treten hier erste Gegensätze und Geschmäcker auf? „Werden diese Unterschiede nicht in ein für beide stimmiges Gesamtkonzept zusammengeführt“, erzählt Hausbau-Coach Reichl, „kommt es meist zu Konflikten“. Damit diese nicht eskalieren, sei es wichtig, sich anzuschauen, „was jeder braucht, um sich geborgen zu fühlen“. Er mahnt deshalb, dass sich die Partner unbedingt über ihre Bedürfnisse austauschen, sie aufschreiben und im zweiten Schritt deren Umsetzung partnerschaftlich teilen. Dabei sollten Paare jedoch behutsam vorgehen und sich nicht gegenseitig überfordern.

Eine Frage des Geldes

Vor allem die Nichteinhaltung des finanziellen Rahmens birgt viel Zündstoff. Viele Paare setzen das Budget zu hoch an. Meist wird der Hausbau am Ende teurer als zunächst erwartet, weiß Reichl aus Erfahrung. Sein Tipp: „Die Baukosten sollten daher in der Planung zehn bis 15 Prozent unter dem liegen, was man bereit ist auszugeben. Denn wenn der finanzielle Rahmen nicht zu sehr strapaziert wird, ist der Stress auch nicht so groß.“

Jedoch: „Geld ist immer ein Synonym für Macht. Und beim Hausbau geht es um die Frage: Wie setze ich das vorhandene Geld ein?“ Wenn jeder mit den vorhandenen finanziellen Mitteln möglichst viele seiner Bedürfnisse abdecken möchte, können Machtkämpfe in der Beziehung entstehen. „Daher sollte jeder seine Bedürfnisse klar formulieren und die vorhandenen Ressourcen von Anfang an gerecht aufgeteilt werden. Dadurch wird verhindert, dass ein Partner den Hausbau dominiert.“

Was, wenn die Beziehung schon Risse bekommen hat?

Falls es allerdings schon zu einer massiven Krise gekommen ist, rät Baupsychologe Reichl zu einer Paartherapie. Denn oft sei der Hausbau ein Katalysator für ein anderes Beziehungsproblem. „Wenn das geklärt ist, lösen sich häufig auch die Konflikte im Hausbau auf, weil die Partner dann eher bereit sind, Kompromisse einzugehen. Wenn die Vorstellungen über das Haus allerdings grundverschieden sind, passen die Paare oft auch einfach nicht zusammen.“ In diesem Fall sollten die Paare erst einmal schauen, ob die Beziehung überhaupt langfristig funktionieren kann.

Reichl empfiehlt von vornherein ein Szenarium des Scheiterns in die Überlegungen einzubeziehen. Man solle sich klar überlegen: Was machen wir, wenn es nicht klappt und wenn wir uns trennen? „Vernünftig wäre es, dazu eine Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen und gewisse Vereinbarungen festzuhalten. Dies widerspricht sich jedoch mit der Verliebtheit vieler Paare, die überhaupt nicht an Trennung denken.“ Doch Hausbau-Coach Reichl weiß aus seiner Erfahrung, dass jede rechtlich abgesicherte Vereinbarung konfliktschonend ist. Entsteht ein Ungleichgewicht im Geben und Nehmen, belastet das die Beziehung. „Es sollte also klar festgehalten werden, was wer einbringt und wie das rechtswirksam festgehalten wird.“ Nur so könne Gleichwertigkeit hergestellt werden.

Das Beste zum Schluss: So wird der Hausbau zum Beziehungskitt

Wenn alles gut läuft, die wesentlichen Bedürfnisse beider Partner berücksichtigt sind und die Finanzierung gut zu bewältigen ist, dann kann der gemeinsame Hausbau nach Einschätzung von Herbert Reichl sogar zum Beziehungskitt werden: „Er ist dann wie ein gelungenes gemeinsames Projekt oder sogar wie ein gemeinsames Kind.“

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