18.08.2014

Wertpapiere

Made in Germany: Der Pfandbrief

“Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz”, sang Janis Joplin 1970 und verschaffte damit der Sehnsucht vieler Amerikaner nach einem PKW “Made in Germany” Gehör.  Doch nicht nur deutsche Ingenieurskunst auf vier Rädern steht für Qualitäten wie Sicherheit, Solidität und Werterhalt. Ein Text über ein Finanzprodukt, das in Deutschland entwickelt wurde, in Bayern seinen Siegeszug antrat und dessen Vorzüge ebenfalls dem entsprechen, was weltweit mit “Made in Germany” verbunden wird.

Seit über 150 Jahren erledigt er in Bayern seinen Job – und das sicher und effizient. “Pfandbriefe haben ihre besondere Stabilität in der Finanzkrise unter Beweis gestellt, als sie den Instituten zeitweise exklusiv Zugang zum Kapitalmarkt boten”, erklärt Jens Tolckmitt, Hauptgeschäftsführer des Verbandes deutscher Pfandbriefbanken. Ganz klar: Der Pfandbrief ist ein deutsches Paradeprodukt – und ein Exportschlager obendrein. In nahezu jedem Land der Euro-Zone haben sich Covered-Bonds-Märkte entwickelt. Was kaum einer weiß: Auslösendes Moment dieser Entwicklung war die Idee eines Mannes, der bereits seit 117 Jahren tot ist. Sein Name: Johann Baptist Ströll.

Kreditklemme in Bayern

Angefangen hat alles vor 180 Jahren. Bayern, damals ein Agrarstaat unter der Regentschaft König Ludwigs I., möchte in die Industrialisierung einsteigen. Doch Unternehmer, Industrielle und Bauern kommen nur schwer an Kredite.  Grund dafür ist das Kreditgeschäft, dass Anfang des 19. Jahrhunderts einigen privaten Bankiers und Geldverleihern obliegt. Diese waren jedoch äußerst kapitalschwach, das machte Kreditgeschäfte nur in sehr geringem Umfang und auch nur regional möglich. Also versucht König Ludwig I.  zwischen 1834 und 1835 mit der Gründung der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank gegenzusteuern. Der Monarch war überzeugt, dass er mit dieser privaten Bank auf Aktienbasis den Kreditbedarf Bayerns decken und so den wirtschaftlichen Aufstieg seines  Reiches fördern konnte.

Kreditnachfrage falsch eingeschätzt

Die Bank wird mit einem Grundkapital von 20 Millionen Gulden ausgestattet – für damalige Verhältnisse ein nie dagewesener Betrag. Die Sache hat nur einen Haken: Die Summe der Kreditausgabe hängt am Grundkapital der Bank. Davon dürfen zwar drei Fünftel (12 Millionen Gulden) für die Ausgabe langfristiger Kredite eingesetzt werden. Aufgrund der starken Kredit-Nachfrage ist der Betrag jedoch acht Jahre nach Gründung der Bank nahezu erschöpft. Hinzu kommt, dass der Wunsch nach Hypothekendarlehen weiter anhält. Das Projekt des Königs droht zu scheitern. Die rettende Idee kommt von Johann Baptist Ströll. Der stellvertretende Leiter der Abteilung Hypotheken der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank entwickelt ein Finanzprodukt weiter, das bereits 60 Jahre zuvor die Landwirte in Preußen mit Kapital versorgt hat, den Pfandbrief.

Strölls weiß-blaue Lösung

Im Unterschied zur preußischen Variante sieht Strölls bayerische Lösung vor, dass die bayerischen Pfandbriefe nicht mit dem Anspruch der Pfandbriefinhaber auf einen bestimmten Grundbesitz verbunden sind, sondern lediglich gegenüber dem Hypothekenkreditportfolio der Bank. Der Inhaber des Pfandbriefs hat seinen Anspruch nur noch gegenüber der Bank. Zudem stabilisiert Ströll den bayerischen Pfandbrief mit dem Tilgungsfonds, dem gesamten Vermögen der Bank und einem Spezial-Reservefonds für etwaige Kreditausfälle. Als Ströll sein Konzept am 17. Mai 1858 im bayerischen Handelsministerium vorlegt, wird es zunächst abgelehnt. Erst am 24. Januar 1864 genehmigt der bayerische König Maximilian II. die Einführung des “modernen Pfandbriefsystems” unter der Kontrolle des Staates Bayern. Damit verfügte die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank wieder über ausreichende Mittel, Kredite zu vergeben. Ihren ersten Pfandbrief legte die Bank am 18. April 1864 auf.

Der Pfandbrief im Jahr 2014

150 Jahre nach Strölls (weiterentwickelter) Innovation liegt der Pfandbriefumlauf in Deutschland laut Verband deutscher Pfandbriefbanken bei etwa 430 Milliarden Euro (Jahresmitte 2014). Natürlich gab es schon andere Zeiten, 2005 etwa, als das Umlaufvolumen bei exakt 1,12564 Billionen Euro lag.  Der Rückgang des ausstehenden Volumens lag dabei jedoch weniger an einem Bedeutungsverlust des Pfandbreifes als in einer „Reinigung“. Über lange Phasen wurden gerade Deckungsmassen von öffentlichen Pfandbriefen von staatlich garantierten Krediten an öffentliche Banken gespeist. Diese Kredite konnten bis Juli 2005 begeben werden – sofern sie eine maximal Restlaufzeit bis Dezember 2015 aufwiesen. Insofern schleichen diese Kredite mehr und mehr aus. Zurück bleibt ein Bild, das die tatsächliche Wichtigkeit des Pfandbriefs für die Refinanzierung grundpfandrechtlich gesicherter Kredite wie auch von Kreditengagements an die öffentliche Hand reflektiert.

Konsequenterweise, wissen “Politik und Aufsicht um die Bedeutung des Pfandbriefs für die Bereitstellung langfristigen Kapitals für die Immobilien- und Infrastrukturfinanzierung”, so Jens Tolckmitt. “Aufgrund seiner Rolle als Stabilitäts- und Liquiditätsanker wird der Pfandbrief in allen aktuellen Regulierungsinitiativen bevorzugt.” Dementsprechend beurteilt Verbandschef Tolckmitt seine Aussichten positiv: “Sobald die Konjunktur in Europa Fahrt zurückgewinnt und sich das geldpolitische Umfeld normalisiert, dürfte auch der Pfandbriefabsatz wieder zulegen”, lautet die Einschätzung des Experten.  Der Pfandbrief als Seismograph gesellschaftlicher und politischer Umbrüche? “Oh Lord, why not”, um bei Janis Joplin zu bleiben.

  1. Carsten Schmidt
    22. August 2014, 9:06

    Hallo Julian,
    … dann sollten wir ihn gründen.) Vielen Dank für Ihr scharfes Auge und beste Grüße,
    Carsten Schmidt

  2. Julian
    21. August 2014, 18:05

    Sehr schöner Artikel! Allerdings bin ich mir fast sicher, dass es keinen Verband deutscher Pfandbriefmarken gibt…

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