08.12.2016
Reportage

Praxisgründung

Praxisgründung: Als „Cyborg“ wieder laufen können

Cyborgs sind nicht nur fantasievolle Figuren aus Science-Fiction-Filmen. Schon längst gehören die segensreichen Mischformen aus Mensch und Maschine zum medizinischen Alltag. 2013 wurden allein durch das Einsetzen eines Herzschrittmachers mehr als 75.000 Deutsche zum Cyborg. Ein weniger alltägliches Beispiel ist das Exoskelett HAL der japanischen Firma Cyberdyne. Der Roboter vom Typ Cyborg umgibt Teile des Körpers und misst über die Haut elektrische Signale, die vom Gehirn in die Muskeln gesendet werden. Daraus erkennt das System die Absicht seines Trägers und unterstützt dessen Bewegungen. Dank HAL können nicht nur normale Menschen schwere Lasten heben, sondern auch Querschnittsgelähmte und Schlaganfallpatienten unter bestimmten Voraussetzungen wieder laufen lernen. Die HVB-Kunden und Ärzte Alexey Grinchenko und Lev Bugreev bieten in ihrem 2015 gegründeten WALK AGAIN Center eine Therapie mit dem HAL-System und anderen Robotern an. Wir haben die innovativen Mediziner in Berlin besucht!

Berlin Friedrichstraße. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Boutiquen weltbekannter Designer betrete ich durch eine Messingdrehtür das Gebäude mit der Nummer 71. Im imposanten Marmorfoyer empfängt mich dezente Klaviermusik. Eine kurze Rolltreppe führt mich auf die Galerie und zum Tresen des Concierges. Ein Blick hinab ins großzügige Atrium bestätigt meine Vermutung: Ein Pianist am Konzertflügel ersetzt stillose Fahrstuhlmusik aus der Konserve. In der privaten „Meoclinic“ bin ich mit Alexey Grinchenko und Lev Bugreev, den Gründern von „WALK AGAIN“ verabredet. Die beiden Ärzte kommen gebürtig aus Moskau, haben an der Berliner Charité studiert. Geschäftsführer Bugreev hat neben dem abgeschlossenen Medizinstudium einen Master in Public Health, der ärztliche Leiter Grinchenko spezialisierte sich auf das Management medizinischer Unternehmen. „WALK AGAIN“ ist bereits ihre zweite Gründung. In Erwartung zweier distinguierter Doktoren sitze ich gespannt in der Anmeldung. Als ein junger Mann in Karohemd, Jeans und Sakko auf mich zukommt, fühle ich mich einen Augenschlag lang nicht gemeint. Doch dann erkenne ich Grinchenko, der in natura jünger wirkt, als auf dem Foto der Unternehmenswebsite.

Segensreiche Roboter: Die Therapie mit dem Lokomat

Der Arzt und Unternehmer nimmt mich mit in den großen Behandlungsraum, das Herz von „WALK AGAIN“. Hier geht es um Hightech. Und um Lebensqualität. An einer der Maschinen hängt ein junger Mann in einer Art Klettergurt. An seinen Beinen und Füßen sind allerhand Apparaturen angeschlossen. Unwillkürlich muss ich an die Sturmtruppler aus Star Wars denken. In dieser Position, die Hände fest um die Haltegriffe geschlossen, geht der Patient flotten Schrittes auf einem Laufband. Eigentlich keine große Sache, denke ich, wäre da nicht sein Rollstuhl, der neben dem Roboter steht. „Der Lokomat ermöglicht es querschnittsgelähmten Menschen, das Gehen zu trainieren“, erklärt mir Alexey Grinchenko. Er spricht beinahe akzentfrei, mit ruhiger Stimme, aber voller Begeisterung für die Behandlung. In vielen Praxen übernähmen noch Physiotherapeuten das Bewegen der Beine. „Doch selbst der beste Therapeut kann die Gliedmaßen nicht so gleichmäßig, exakt und ausdauernd bewegen wie der Lokomat.“ Über einen Monitor überwacht eine speziell ausgebildete Physiotherapeutin das Workout. Ähnlich wie bei Sport-Apps und Geräten im Fitnessstudio gibt der Roboter Feedback, wertet das Training aus. Die Datei schickt er via WLAN an die elektronische Krankenakte. Der Lokomat teilt mit, dass der Patient bereits 25 Prozent der für das Gehen nötigen Kraft selbst aufwendet. „Solche Rückmeldungen sind für unsere Kunden außerordentlich motivierend und wären mit konventioneller Therapie nicht möglich“, ergänzt Lev Bugreev. Der Lokomat Pro ist der neueste Roboter in der Praxis von „WALK AGAIN“. Er ergänzt die Therapiemöglichkeiten mit dem Exoskelett HAL und dem Armtrainer Armeo Spring. In einem Konferenzraum berichten die beiden Unternehmer, warum die Investition in den Lokomat so entscheidend war.

„Wir sind mit unseren Kunden gewachsen.“

Während der gezielten Suche nach neuen Geschäftsideen wären Bugreev und Grinchenko auf einer Messe beinahe achtlos am Exoskelett HAL vorbeigegangen. Doch schnell erkannten sie das Potenzial, das in der von Roboter-Papst Yoshijuki Sankai entwickelten, robotergestützten Therapie steckt: „Es hat nur 30 Sekunden gedauert, bis wir von dem System begeistert waren, aber noch ein Jahr, bis wir mit den japanischen Kollegen in Kontakt treten konnten“, erinnert sich Grinchenko. Mittlerweile steht „WALK AGAIN“ in regelmäßigem Austausch mit Multimillionär Sankai und seinem Team. Der Pionier auf dem Gebiet der Roboterforschung besuchte sogar das Berliner Zentrum. „Professor Sankai hat sich bis heute seinen Erfindergeist bewahrt. Mir sind vor allem sein offener Blick und seine hellhörige Art aufgefallen“, erinnert sich Bugreev.

Im Juni 2015 feierten die Mediziner Praxiseröffnung und nahmen ihr HAL-System in Betrieb. Bald darauf erreichte das junge Unternehmen zahlreiche Anfragen von Patienten aus dem In- und Ausland. „Viele davon konnten wir gar nicht behandeln, da die Voraussetzungen für eine Therapie mit dem HAL nicht gegeben waren. Zum Beispiel, wenn der Patient noch keine ausreichende Rumpfstabilität hat“, sagt Grinchenko. Um auch diesen Patienten zu helfen, war eine weiter reichende Ausstattung des Centers mit zusätzlichen HighTech-Methoden nötig. „Wir wollten die technischen und personellen Voraussetzungen schaffen, um Patienten mit unterschiedlichen Ausgangsituationen durch die Kombination modernster robotergestützter wie konventioneller Therapiemethoden zu trainieren“, sagt Bugreev. „Und das ist heute unser Konzept!“

„Eine Bank mit Kompetenz und Verständnis für unsere Branche.“

Nach einer erneuten Recherche war für das Gründer-Team klar: Der Lokomat ist das am besten geeignete System und sollte den Patienten und auch „WALK AGAIN“ zu einer schnelleren Entwicklung verhelfen. Auf der Suche nach der passenden Bank für den Kredit war räumliche Nähe für die Gründer zunächst sehr wichtig.  Doch auch ohne die „Filiale um die Ecke“, konnte sich das Heilberufe-Team der HypoVereinsbank in Berlin durchsetzen. „Die Kollegen von der HypoVereinsbank waren nicht nur schnell und professionell, sondern haben uns vor allem mit ihren Spezialisten überzeugt. Eine Bank mit Kompetenz und Verständnis für unsere Branche – das hatten wir so noch nicht erlebt“, lobt Grinchenko. Auch die Spezialistin für Gründung und Nachfolge Beate Gutkowski betont die gute Zusammenarbeit mit den Hightech-Medizinern. „Herr Grinchenko hat seinen Businessplan zeitnah und sehr gut strukturiert erstellt. Dieser professionelle Umgang mit Zahlen ist für Ärzte eher ungewöhnlich“, weiß die Berlinerin. Für Gutkowski war die intensive Beratung auch aus anderen Gründen eine ganz besondere. „Zu erleben, wie eigentlich als austherapiert geltende, querschnittsgelähmte Menschen wieder laufen lernen, war sehr berührend.“

Im Einklang: Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Verantwortung

Gefragt nach dem Alleinstellungsmerkmal seines Unternehmens lächelt Grinchenko nur, greift zu einer Hochglanzbroschüre und öffnet die Doppelseite in der Mitte des Hefts. Zusehen ist eine Weltkarte mit einem einzigen roten Punkt im Osten Deutschlands und der Überschrift „Lokomat® and HAL® at one place – nowhere else in the world“. Doch es gibt auch Herausforderungen. Vor allem unter den Bedingungen eines konservativen und regulierten Marktes die bestmögliche Qualität anzubieten, motiviert Grinchenko und Bugreev jeden Tag aufs Neue. Dafür analysieren und optimieren sie persönlich ihre Prozesse. „In unserem kleinen Team ist das noch einfach umzusetzen“, sagt Grinchenko. „Wir hoffen, dass wir die Erfahrungen, die wir jetzt sammeln, später auch skalieren können.“

Abseits von USP, Synergien und Rationalisierung ist das Business der Ärzte nicht mit herkömmlichen Unternehmen vergleichbar. Denn es geht um Gesundheit und um Menschenleben. Die Unternehmer tragen nicht nur die Verantwortung für ihre Firma und die Mitarbeiter, sondern auch für das Wohlergehen ihrer Kunden. Die unternehmerische Perspektive der Mediziner ist von gesellschaftlicher Verantwortung geprägt. Bereits die Entscheidung als Einziger in der Region einen Lokomat für Kinder anzubieten, hatte soziale Aspekte. So konnten die Ärzte betroffenen Eltern und Kindern aus Berlin und Umgebung die Behandlung in der Nähe des Wohnorts ermöglichen. An der Zulassung bei den Gesetzlichen Krankenkassen arbeiten die Ärzte aktuell. „Noch ist die Behandlung mit Lokomat und HAL für die Betroffenen oft sehr kostspielig“, sagt Bugreev. „Wir möchten unser Konzept der breiten Masse zugänglich machen.“

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