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25.10.2012

Ostalgie

Revival der Rennpappe

Nach der Wende haben ihn viele belächelt, heute ist er bei Oldtimerfans begehrt: der Trabant, der Volkswagen der DDR, entwickelt sich zum beliebten Sammlerobjekt. Doch immer weniger gut erhaltene Exemplare sind auf dem Markt, die Zulassungszahlen sinken seit Jahren rapide.

Von Gastautor Richard Pfadenhauer

Ostalgie ist in. Das Kunstwort aus “Osten” und “Nostalgie” beschreibt einen Trend: Mehr als 20 Jahre nach der Wende lassen immer mehr Menschen das Lebensgefühl der ehemaligen DDR wieder aufleben. Die politische Dimension spielt dabei meist keine Rolle – es geht vielmehr um die kleinen Dinge des Alltags, die das Leben im Osten prägten. In Berlin ist aus der Ostalgie ein ganzer Tourismuszweig entstanden. Besucher der einst durch die Mauer geteilten Stadt können heute in Hotels übernachten, die im Stil der DDR eingerichtet sind. In den Souvenirläden füllen Artikel, die mit dem Ost-Ampelmännchen verziert sind, ganze Regale. Und an vielen Straßenecken bieten Händler alte DDR-Uniformen feil.

Trabi-Safari durch Berlin

Zur Ostalgie-Welle gehört natürlich auch der Trabant, der Volkswagen der DDR. Nachdem der Trabi aus dem alltäglichen Straßenbild vieler Städte weitgehend verschwunden ist, zieht er heute in Berlin die Blicke der Touristen auf sich – zum Beispiel am sogenannten Ost-West-Café, das unweit der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße entstanden ist. Als Besuchermagnet steht vor der Tür ein alter Trabant, der Inbegriff der Mobilität in der DDR. Auch Stadtrundfahrten können Touristen in dem einst belächelten und heute begehrten Wagen buchen. Trabi-Safari nennt sich die Stadtrundfahrt der etwas anderen Art. Und so gehören die bunt bemalten Rennpappen des Veranstalters inzwischen zum Stadtbild der Hauptstadt. Aus dem Objekt des Spottes wurde für viele ein Objekt der Begierde. Der Trabi ist Kult.

Das steigende Interesse hängt mit der zunehmenden Knappheit zusammen. Vor mehr als 20 Jahren endete die Produktion des Trabis. Das letzte Exemplar vom Typ Trabant 1.1 rollte am 30. April 1991 in den Hallen der Sachsenring Automobilwerke in Zwickau vom Band. Zwar war diese Modellreihe erst ein Jahr zuvor in Serie gegangen – doch gegen die Konkurrenz moderner Autos hatte der Trabi damals keine Chance.

Trabi mit VW-Motor

Anders als sein Vorgängermodell Trabant 601 verfügt der Trabant 1.1 immerhin über einen Viertaktmotor – und der war eigentlich ein Westprodukt. Denn bereits 1984 hatte der Industrieverband Fahrzeugbau der DDR (IFA) von Volkswagen eine Lizenz zum Bau von Viertaktmotoren erworben, wie sie auch im VW Polo verwendet wurden. Optisch hinkte der Trabant 1.1 der Westkonkurrenz jedoch noch immer stark hinterher, sodass sein letztes Stündlein bald schlagen sollte.

Zuvor hatte der Trabant 601 36 Jahre lang das mobile Leben der DDR-Bürger geprägt. Von 1964 bis 1990 war er das Auto schlechthin. Alternativen gab es kaum – und die Wartelisten waren lang. Teilweise vergingen zwischen Bestellung und Auslieferung zehn Jahre. Doch obwohl die Nachfrage nach dem Wagen nie ganz befriedigt werden konnte, handelt es sich bei dem Trabi-Klassiker trotzdem zweifellos um ein Massenprodukt – gut 2,8 Millionen Stück wurden produziert.

Mit dem Ende der DDR jedoch setzte der rapide Niedergang des Trabant ein. Im Jahr 1993 waren zwar immerhin noch mehr als 900.000 Trabis auf deutschen Straßen unterwegs. Zehn Jahre später waren es weniger als 100.000. Und heute sind gerade mal rund 30.000 Trabants in Deutschland zugelassen, wie aus den Zulassungszahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes hervorgeht. Gleichzeitig entdecken immer mehr Deutsche ihr Faible für den Plastebomber, wie der Wagen wegen seiner Karosserie aus Kunststoff gerne genannt wird.

Zwickau – Heimat des Trabi

Besonders viele Trabi-Fans wohnen in den neuen Bundesländern – ein reines Ost-Phänomen ist der Trabant allerdings nicht. In Trabi-Fanclubs organisieren sich Liebhaber des Ost-Automobils quer durch die ganze Bundesrepublik. Die Vereine organisieren regelmäßig gemeinsame Rundfahrten oder veranstalten Trabi-Treffen. Das älteste Trabi-Markentreffen findet in der Heimatstadt des Trabant statt: in Zwickau. Seine Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1966. Nach einer längeren Pause wurde das Treffen 1994 wiederbelebt. “Irgendwann wurde den Veranstaltern der Aufwand zu groß, sodass das Treffen im vergangenen Jahr erstmals vom August Horch Museum Zwickau organisiert wurde”, berichtet der Museumsmitarbeiter Heino Neuber. “Ziel ist es, das Trabi-Treffen zu einem echten Oldtimertreffen auszubauen.”

Als reines Investment ungeeignet

Hinter dem August Horch Museum steht ein großer Name: Die Audi AG. Gemeinsam mit der Stadt Zwickau trägt sie die August Horch Museum Zwickau gGmbH. Denn Zwickau besitzt eine lange Automobilgeschichte – auch die Wurzeln der Audi AG liegen hier. Neuber bestätigt das gestiegene Interesse am Trabi: “Nach der Wende wollte man das fahren, was man davor nicht hatte. Heute besinnen sich viele wieder zurück auf den Trabant – nicht für den Alltagsgebrauch, sondern mehr im Bereich der Oldtimerpflege.” Was damit einhergeht: Die Preise für Trabis steigen. Denn das Angebot wird mit jedem Jahr kleiner, das Interesse an den Ost-Oldtimern hingegen größer. Für Trabi-Liebhaber bedeutet das: Ihr Hobby entwickelt sich zu einer guten Wertanlage. Als reines Investment ist der Trabant aber wohl nicht geeignet. Wie bei allen Sammelobjekten sind auch hier Leidenschaft und Begeisterung unabdingbar. Denn für den Werterhalt ist fachgerechte Pflege ein Muss. Und die kostet Zeit – und Geld.

Originalzustand ist Trumpf

Ein waschechter Trabi-Fan ist Steffen Schreiber aus Wurzen in Sachsen. Er besitzt acht Trabis, darunter Raritäten wie einen Trabant 601 mit Campingausstattung: Auf dem Dach des Autos lässt sich ein Zelt aufspannen. Mit seinen Vereinskollegen der “Muldentaler Trabantfreunde” besucht er regelmäßig Trabi-Treffen und stellt fest: “Der Trend geht hin zum Originalzustand.” Und der sei immer seltener aufzufinden: “Trabis wurden nach der Wende häufig von jungen Leuten gefahren. Und die haben sehr viel an den Autos herumgebastelt.” Dementsprechend seien Trabis in ursprünglichem Zustand viel wert: “Sehr gut erhaltene Exemplare der älteren Modelle Trabant 500 und Trabant 600 oder außergewöhnliche Trabis wie der Trabant 1.1 Tramp, der Nachfolger des Armee-Kübels, können bis zu 10.000 Euro kosten.” Bei Standardmodellen wie dem Trabant 601 Limousine müssten Interessenten mit 2.000 bis 3.000 Euro rechnen, erklärt Schreiber – vorausgesetzt, er befindet sich im Topzustand.

Neu kostete ein Trabant 601 in Standardausführung etwa 8.500 DDR-Mark. Bei einem Umtauschkurs von 2:1 waren das etwa 4.250 Deutsche Mark oder umgerechnet rund 2.173 Euro – die Inflation nicht mitberechnet.

Beim Kauf auf Mängel achten

Beim Kauf sollten Trabi-Liebhaber aber nicht nur auf die Originalität achten – das Fahrzeug sollte unbedingt auf eventuelle Mängel überprüft werden. Denn auch wenn Kotflügel, Haube und Dach des Trabant aus Kunststoff – im Volksmund Pappe genannt – bestehen, ist er dennoch nicht hundertprozentig gegen Rost gefeit. Denn die Bodengruppe besteht aus Metall – der Käufer sollte deshalb auch unter den Trabi blicken und ihn dazu am besten auf eine Hebebühne fahren.

An Ersatzteilen für den Trabant mangele es nicht, berichtet Schreiber. Sowohl Originalteile wie auch Nachbauten seien zu haben. „Es gibt fast alles, man muss es nur bezahlen können.“ Teuer und selten zu bekommen seien vor allem Ersatzteile für die älteren Modelle. „Manche Original-Ersatzteile sind nicht ewig haltbar, beispielsweise Gummidichtungen – hier gibt es Neuanfertigungen“, berichtet Heino Neuber vom August Horch Museum. In Zwickau gebe es zudem eine Firma, die sich auf die Restaurierung von Trabi-Tanks spezialisiert habe. Und im Zweifel findet ein Trabi-Bastler bestimmt Hilfe bei Gleichgesinnten.

Zwischen Mai und August ist Hochsaison für Trabant-Treffen. Reichlich Gelegenheit also für Fachgespräche – oder aber, um in (N)Ostalgie zu schwelgen: “Das Ambiente muss passen”, schmunzelt Steffen Schreiber, “deshalb campen wir auch im DDR-Stil”. Dazu gehört zum Beispiel auch eine Übernachtung im Dachzelt des Trabant 601, im Klappfix oder QEK-Wohnwagen.

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Über den Gastautor

Richard Pfadenhauer ist Chefredakteur des onemarkets Magazins im Bereich Corporate & Investment Banking der HVB. Darüber hinaus ist er Autor des onemarkets Wochenkommentars, eines wöchentlichen Rück- und Ausblicks auf die Märkte. Als ausgewiesener DVFA-Aktienanalyst beschäftigt sich Pfadenhauer seit vielen Jahren mit den Finanzmärkten. Er gilt als ausgesprochener Derivate-Experte.

  1. 28. Oktober 2012, 21:23

    Mein Nachbar hatte nach der Wende einen Zweitakter. Ehrlich gesagt. Ich habe ihn manchmal an das andere Ende der Welt gewünscht. Wenn er morgens um 05:30 Uhr den Motor startete, war die ganze Nachbarschaft wach. Und im Sommer, wenn bei offenem Fenster geschlafen wurde, waren die Gerüche im Schlafzimmer nicht unbedingt angenehm. Nach einiger Zeit hatten wir Wessis uns aber daran gewöhnt.

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