Ausstellung Sammlung Goetz in der Kunsthalle München
19.08.2016
Interview

Sammlung Goetz

Die ganze Welt ist eine Bühne: Sammlung Goetz in der Kunsthalle München

All the world’s a stage and all the men and women merely players”, schrieb Shakespeare schon 1599 in seinem Stück “As you like it”. Diesem Leitspruch entsprechend führt die neue Ausstellung der Kunsthalle München „Inszeniert – Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst“ ihre Besucher zwischen Realität und ihrer Inszenierung. Bis zum 6. November ist in 90 Werken der Sammlung Goetz zu sehen, wie sich Schein und Sein in Theater, Oper und Ballett in schillernde Welten der Illusion verwandeln. Kurator Karsten Löckemann von der Sammlung Goetz erzählt, was die Ausstellung so besonders macht.

Wie ist die Zusammenarbeit der Kunsthalle München und der Sammlung Goetz zu diesem Projekt entstanden?

Wir haben schon seit längerem mit Roger Diederen, dem Direktor der Kunsthalle, über die verschiedenen Möglichkeiten einer gemeinsamen Ausstellung gesprochen. Er hat dann im letzten Jahr eine große Ausstellung von uns in Madrid gesehen und war sehr begeistert. Auf Basis dieser Ausstellung haben wir das Ausstellungskonzept für die Präsentation in München entwickelt.

Mehr als 20 KünstlerInnen tragen mit ihren Werken zur Ausstellung bei. Welche unterschiedlichen Darstellungsformen haben die Künstler darin gewählt?

Es sind ganz verschiedene Darstellungsformen in der Ausstellung vertreten. Besonders auffällig ist die Vielzahl von installativen Arbeiten unterschiedlichster Ausprägung. Darunter befinden sich einige, die mediale und skulpturale Bestandteile haben, wie zum Beispiel die Werke von Mike Kelley, Matthew Barney und Janet Cardiff & George Bures Miller. Gleichzeitig gibt es aber auch eine große Anzahl fotografischer Werke und einige Filme.

Die Exponate der Ausstellung sind zwischen 1973 und 2013 entstanden. Wie nehmen Sie aus unterschiedlichen Jahrzehnten Bezug zum Thema der Ausstellung?

Die Künstler finden ganz unterschiedliche Wege und Ausdrucksmittel. Es war mir wichtig, für die Ausstellung eine große Bandbreite aus unseren Beständen zusammenzutragen. Die früheste Arbeit ist von Jürgen Klauke aus dem Jahr 1973 und er behandelt am eigenen Körper ein Thema, das spätestens seit den 1970er-Jahren in der Gesellschaft sehr virulent war. Er hinterfragt in der Fotoserie „Self Performance“ Geschlechterrollen und die verschiedenen Identitäten des eigenen Ichs. Cindy Sherman verfährt ein Jahrzehnt später ganz ähnlich und hinterfragt mit ihren oft abstoßend wirkenden Motiven den Schönheitswahn unserer heutigen Gesellschaft. Daneben gibt es auch Protagonisten, die andere künstlerische Wege gehen, wie zum Beispiel das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset. Ihre Installationen aus den 2000er-Jahren zeichnen sich durch eine Mixtur von Architektur, Design und Performance aus. Es sind bühnenhafte Sets, die die Schauplätze menschlicher Aktionen in ihrer Komplexität zitieren und überspitzt nachbilden. Man könnte diese Reihe noch endlos fortsetzen. Die Ausstellung zeigt anhand der Gattungsvielfalt der Werke und der vollkommen unterschiedlichen Annäherungen an den Themenkomplex, dass gerade die Bühne mit ihren Möglichkeiten und Facetten auch in unserer heutigen multimedialen Gesellschaft noch ein ernstzunehmender Impulsgeber für die bildende Kunst ist.

Die Ausstellung umfasst knapp 100 Werke. Wie verläuft der Weg der Zuschauer durch die Räumlichkeiten der Kunsthalle München?

In den unterschiedlichen Räumen sind Künstler oder Werke nach thematischen Schwerpunkten oder künstlerischen Herangehensweisen zusammengefasst. Es gibt aber auch Räume, die einer einzelnen Künstlerpersönlichkeit gewidmet sind.

Ohne Zuschauer gibt es keine Inszenierung – wie erleben die Besucher der Ausstellung sich selbst inmitten der Werke?

Durch die vielen unterschiedlichen künstlerischen Gattungen, die in der Ausstellung vertreten sind, ist der Parcours sehr abwechslungsreich. Für einige Arbeiten, wie zum Beispiel die von Elmgreen & Dragset, ist die Präsenz des Besuchers ganz essentiell. Sie wirken erst in belebten Räumen. Bei den Werken von Cardiff & Miller wird der Zuschauer aufgefordert, aktiv teilzunehmen. Das bringt natürlich auch noch mal eine ganz eigene Dynamik in den Ausstellungsrundgang. Wiederum andere Arbeiten, besonders auch einige filmische Arbeiten, laden zum Verweilen ein.

In der heutigen Zeit haben wir über soziale Netzwerke oder Ähnliches selbst die Möglichkeit unsere Identität zu inszenieren und die Realität nach unseren Vorstellungen zu filtern. Warum ist es wichtig, sich auch mit dem „Unperfekten“ auseinanderzusetzen?

Nicht nur das Unperfekte – Lebensentwürfe oder Menschen, deren Aussehen oder Lebensstil eben nicht der Norm entsprechen, die vielleicht sogar mit gesellschaftlichen Konventionen gebrochen haben, sind oft die spannenderen Persönlichkeiten. Sie haben oft auch mehr Potential, Künstlern als Inspirationsquelle zu dienen. In dem Fall denke ich gleich an die Fotografien von Ulrike Ottinger und Nan Goldin. Sie finden ihre Sujets und Protagonisten eher am Rand der Gesellschaft und zeigen sehr eigenwillige, nicht selten exzentrische Gestalten.

Sammlung Goetz in der Kunsthalle München

Sammlung Goetz

Ingvild Goetz legte mit ihrer ursprünglich privaten Kunstsammlung zeitgenössischer Werke aus den 60er-Jahren bis zur Gegenwart die Basis für die heutige Sammlung Goetz, die rund 5.000 Werke der unterschiedlichsten Art umfasst. Die Werke werden im eigenen Museumsgebäude in München sowie in Zusammenarbeit mit Museen und Galerien gezeigt. Karsten Löckemann ist seit 2004 für die Sammlung Goetz tätig und ist heute deren Hauptkurator.

Welches Werk sollten die Besucher der Kunsthalle auf keinen Fall verpassen?

Eigentlich sind mir alle Werke gleich wichtig. Jedes noch so kleine Werk bringt eine ganz eigene Facette in die Ausstellung ein. Aber schön wäre es natürlich, wenn die Besucher auch ein wenig Zeit und Geduld mitbringen und vor der ein oder anderen filmischen Arbeit verweilen. Auf visueller und physischer Ebene ist die Installation „The Paradise Institute“ von Cardiff & Miller sicher eine der spannendsten und einprägsamsten Arbeiten der Ausstellung. Der Ausstellungsbesucher wird nicht nur akustisch und visuell, sondern auch physisch in die Miniaturversion eines Kinos entführt. Mittels einer grandiosen technischen Umsetzung gelingt dem Künstlerduo hier eine fast perfekte Illusion. Das sind Momente, die in Erinnerung bleiben werden.

 

Wir verlosen 3×2 Karten für die Ausstellung „Inszeniert – Spektakel und Rollenspiel in der Gegenwartskunst“ in der Kunsthalle München. Schicken Sie uns einfach bis zum 23. August eine E-Mail mit dem Stichwort „Inszeniert“ an socialmedia@unicredit.de.

 

  1. Lisa Severin
    24. August 2016, 13:13

    Hallo Herr Eichner, vielen Dank für Ihren Kommentar – wir werden auch Ihre Empfehlungen auf die To Do-Liste für den Ausstellungsbesuch setzen 🙂
    Viele Grüße,
    Lisa Severin

  2. Holger Eichner
    23. August 2016, 13:50

    Die Installationen von Cardiff & Miller sind mit Abstand die eindrucksvollsten, weil ungewöhnlichsten und überraschendsten Werke.
    Die Landschaften von Hans op de Beek (siehe Foto ganz oben) sollte man auch auf keinen Fall verpassen!

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