17.09.2014
Meinung

Referendum

Schottland: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen ...

Das Thema ist in aller Munde: 5,3 Millionen Schotten stimmen in einem Referendum über die Frage ab, ob Schottland ein unabhängiges Land werden soll. Stimmt die Mehrheit mit „Ja”, hätte das weitreichende Konsequenzen – für Edinburgh, London und für Brüssel. Daniel Vernazza, UniCredit-Ökonom in London, über die möglichen Folgen einer schottischen Unabhängigkeit.

Es lässt sich schwer vorhersagen, wie ein unabhängiges Schottland aussehen würde. Jeder einzelne Aspekt der schottischen Unabhängigkeit würde von Verhandlungen mit dem Rest Großbritanniens abhängen. Und beide Seiten sind sich einig, dass solche Verhandlungen erst beginnen können, wenn das Referendum Erfolg haben sollte. Es wäre eine gewaltige Aufgabe. Wie teilt man Aktiva und Passiva auf, die sich im Laufe von über 300 Jahren angesammelt haben? Besondere Aufmerksamkeit gebührt dabei zwei Aktivas – dem Öl und der Währung – und einem Passiva, den Staatsschulden Großbritanniens.

Das schwarze Gold

Etwa 90% der Öl- und Gasreserven Großbritanniens liegen in schottischen Gewässern. Würde das Öl geografisch aufgeteilt werden – was ich bezweifle – wäre das BIP pro Kopf in Schottland etwa 18% höher als das in Großbritannien. Dieser Schub durch das Öl neigt sich jedoch seinem Ende – ihre Spitze hatte die Ölproduktion vor langer Zeit, Ende der 1990er-Jahre. Die noch bestehenden Ölfelder sind alt, neue Reserven sind immer kleiner und immer schwieriger zu gewinnen.

Der britische Mineralölkonzern BP zeigte sich bereits besorgt über die zukünftigen Kosten der Außerbetriebnahme: „BP ist überzeugt, dass den Zukunftsaussichten der Nordsee am besten gedient ist, wenn die bestehende Kapazität und Integrität des Vereinigten Königreichs beibehalten werden” – deutliche Worte. Sollte ein unabhängiges Schottland das Öl zugesprochen bekommen, wäre es eine undiversifizierte Volkswirtschaft, die vom Öl und vom Finanzwesen beherrscht wird. Auch bei letzterem Segment sind die Aussichten für Schottland nicht gut, denn zahlreiche schottische Banken und Finanzunternehmen haben in den letzten Tagen verkündet, dass sie im Falle einer Unabhängigkeit ihre Zentralen nach London verlegen würden.

Die Währung

Die schottische Regierung will das Pfund in einer Währungsunion mit dem „Restkönigreich” belassen. Die Gründe dafür sind offensichtlich – das Pfund bietet Stabilität, und in einer Währungsunion würde die Bank of England bei der Festlegung ihrer Geldpolitik weiterhin die Bedürfnisse der schottischen Wirtschaft berücksichtigen und auch weiterhin als Geldgeber der letzten Instanz für schottische Banken fungieren. Es gibt aber ein Problem. Ein großes Problem. Alle wichtigen politischen Parteien Großbritanniens haben eine Währungsunion mit einem unabhängigen Schottland kategorisch ausgeschlossen. Das ist nur logisch, denn eine der wichtigsten Lektionen aus der Schuldenkrise in der Eurozone ist, dass eine erfolgreiche Währungsunion einen gewissen Verlust der fiskalischen Autonomität erfordert. Schottland aber will mehr Autonomität, nicht weniger. Die Alternativen einer Pfundunion („Sterlingization” oder das Drucken einer neuen schottischen Währung) sind für Schottland nicht besonders schmackhaft, denn sie sind mit beträchtlichen Risiken für die schottische Wirtschaft behaftet.

Die Staatsverschuldung

Es ist unklar, welchen Teil der Staatsverschuldung Großbritanniens Schottland übernehmen würde. Wie alles Andere müsste auch dies verhandelt werden. Das Office for Budget Responsibility prognostiziert einen Anstieg der Staatsschuldenquote Großbritanniens auf 91,9% für das Finanzjahr 2016/2017 – das Jahr, das die schottische Regierung als Jahr der Unabhängigkeit festgesetzt hat. Man kann durchaus davon ausgehen, dass die Schulden nach Bevölkerungsanteil aufgeteilt werden würden, während das Öl nach geografischen Gesichtspunkten aufgeteilt wird. Sollte dies der Fall sein, würde die Staatsschuldenquote Schottlands im Jahr 2016/2017 etwa bei 78% beginnen, während die des „Restkönigreichs” auf 93,4% ansteigen würde. Die Fremdkapitalkosten für ein unabhängiges Schottland – einen neuen Staat ohne Zahlungshistorie und mit undiversifizierter Wirtschaft – würden die des „Restkönigreichs” aber vermutlich in äußerst unangenehmem Maße übersteigen.

Politische Auswirkungen

Ein erfolgreiches Unabhängigkeitsreferendum hätte nicht nur weitreichende wirtschaftliche Auswirkungen, sondern auch potenziell umwälzende politische Folgen. Schottland besitzt im Moment 59 der 650 Sitze im Parlament Großbritanniens – und nur einer davon wird von den Konservativen gehalten. Sollte Schottland also für die Unabhängigkeit stimmen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs der Konservativen in den landesweiten Wahlen im nächsten Mai. Das wiederum macht ein Referendum über die britische Mitgliedschaft in der EU wahrscheinlicher (die Konservativen haben für das Jahr 2017 ein EU-Referendum versprochen, wenn Sie die Wahl gewinnen) – und ohne die EU-freundlichen Schotten erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines EU-Austritts Großbritanniens.

Wir rechnen damit, dass Schottland „Nein” zur Unabhängigkeit sagt. Wenn es hart auf hart kommt, werden die Risiken eines schottischen Alleingangs unserer Meinung nach dazu führen, dass die unentschlossenen Wähler sich für die Beibehaltung des Status Quo entscheiden. Aber für eine echte Prognose ist das Kopf-an-Kopf-Rennen zu eng, daher: Schottland, sei vorsichtig mit deinen Wünschen. Sie könnten in Erfüllung gehen.

Über den Gastautor

Daniel Vernazza, seit März 2013 Volkswirt  bei der UniCredit Research in London, ist zuständig für makroökonomische Ausblicke auf das Vereinigte Königreich. Zuvor lehrte er Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics (LSE) und war Ökonom bei Goldman Sachs & Co. Vernazza ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften.

  1. Lisa Severin
    19. September 2014, 12:50

    Die Wahl ist beendet, die Schotten haben entschieden – sie bleiben ein Teil Großbritanniens. Welche Folgen dieses Votum nach sich zieht hat der Spiegel gut zusammengefasst: http://www.spiegel.de/politik/ausland/schottland-schotten-stimmen-in-referendum-gegen-unabhaengigkeit-a-992501.html

  2. Carsten Schmidt
    17. September 2014, 14:39

    Lieber Tobias Müller,

    vielen Dank für Ihren Hinweis, ist geändert. Wobei die wirtschaftlichen Folgen eine schottischen Unabhängigkeit höchstwahrscheinlich auch in Glasgow spürbar würden. Meinen Sie nicht?

    Viele Grüße,
    Carsten Schmidt

  3. Tobias Müller
    17. September 2014, 14:32

    Zitat: „hätte das weitreichende Konsequenzen – für Glasgow, London und für Brüssel“. Glasgow??? Lieber Autor, als Verfasser eines solchen Artikels sollte man zumindest die schottische Hauptstadt kennen. Macht es nicht grade leichter diesen Artikel ernst zu nehmen. Zumal man ja weiß, wie das Finanzwesen in London zu der Unabhängigkeit Schottlands steht. Da steht nicht immer Seriosität vor Panikmache.

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