06.02.2015

Sicherheitskonzepte

Digitale Verhaltensforscher: Start-Up simuliert menschliche Navigation

Stauungen in Fußballstadien, Bahnhöfen oder Einkaufszentren zeigen es: Menschen auf engem Raum entwickeln eine Eigendynamik, deren Auswirkungen nur schwer vorauszusehen sind. Durch eine Software für menschliches Navigationsverhalten kann Angelika Kneidl mit ihrem Start-Up accu:rate simulieren, wie geplante Sicherheitskonzepte und Fluchtwege unter variablen Bedingungen funktionieren – und macht das menschliche Verhalten ein Stück berechenbarer.

Den Anstoß zur Gründung ihres Unternehmens gab der 34-jährigen das tragische Unglück während der Loveparade 2010 in Duisburg. Damals steckte sie mitten in der Arbeit an ihrer Dissertation zum Thema „Menschliches Navigationsverhalten bei der Modellierung von Fußgänger­strömen“ und erkannte bei Anwendern und Erstellern von Sicherheitskonzepten den Bedarf für ihre Forschungserkenntnisse. Mit zwei Geschäftspartnern gründete die gebürtige Münchenerin 2014 ihr Unternehmen accu:rate – Institute for crowd simulation. Unterstützt durch eine eigens entwickelte Simulationssoftware berät das dreiköpfige Team Bauunternehmen und Veranstalter bereits in der Planungsphase von Projekten. Die computergestützten Simulationen unterschiedlicher Szenarien können kritische Punkte während der Planung aufzeigen – von der Simulation bestimmter Abläufe bis hin zur Notfallevakuierung. Für die Weiterentwicklung der Simulationssoftware arbeitet Kneidl mit wissenschaftlichen Instituten zusammen. Sowohl der Lehrstuhl für Computergestützte Modellierung und Simulation der TU München als auch das Forschungsteam für Personenstromsimulation an der Hochschule München unterstützen accu:rate mit aktuellen Forschungserkenntnissen.

Zwischen Architekten und Sicherheitsfachplanern

Die Simulationssoftware muss den individuellen Anforderungen der unterschiedlichen accu:rate-Kunden angepasst werden können. Mal sind es Fachplaner, die ihre Sicherheitskonzepte für große Veranstaltungen auf Herz und Nieren prüfen lassen, mal sind es Architekten, die einen Neubau planen. „Wir bieten unseren Kunden eine hohe Servicequalität und reagieren flexibel auf sich ändernde Anforderungen. Da wir unsere Dienstleistung in verschiedenen Märkten anbieten, müssen wir uns auf jeden Kunden individuell einstellen“, erzählt Kneidl über den Anspruch, den sie an ihre eigene Arbeit stellt. „Komplexe Anforderungen von Kunden schnell und effizient in eine Personenstromsimulation zu übersetzen und dabei sich ändernde Projektbedingungen immer wieder aufs Neue zu berücksichtigen, gehören zu den größten Herausforderungen für unser Team.“ Ihr bisher herausforderndstes Projekt sei die Planung eines Museums mit sechs Bestandsgebäuden und vier Stockwerken gewesen. Durch eine Simulation wurde die Anzahl der Schulklassen ermittelt, die gleichzeitig das Museum besuchen konnten, ohne dass es zu großen Stauungen kommt. „Mehrere Etagen gestalten die Entfluchtung erheblich anspruchsvoller als beispielsweise eine ebenerdige Veranstaltungsfläche.“

Aus der Forschung ins eigene Start-Up

Obwohl sie schon am Ende ihres Studiums den Wunsch hatte zu promovieren, war eine klassische Wissenschaftskarriere nie das Ziel der Informatik-Absolventin: „Während meiner Doktorarbeit habe ich mich in mein Thema geradezu verliebt und wollte darin weiterarbeiten. Unterstützt von der Entrepreneurship-Initiative der TU München UnternehmerTUM  sowie dem Gründerstipendium EXIST habe ich mich nach mehreren Monaten Überlegung getraut. Selbst wenn es mit accu:rate nicht klappt, kann ich wertvolle Erfahrung sammeln, die ich so intensiv in so kurzer Zeit sonst nie gesammelt hätte.“

Dazu zählt auch die Unterstützung aus dem HVB Gründerinnen-Mentoring: „Ich finde die Möglichkeit, von erfolgreichen und erfahrenen Unternehmerinnen gecoacht zu werden, einfach toll. Manchmal haben wir Frauen doch eine andere Art zu Denken und zu Handeln.“ Mit der Unterstützung ihrer Mentorin Dr. Christine Freifrau von Münchhausen, selbstständige Unternehmensberaterin und Wirtschaftsmediatorin aus dem HVB Frauenbeirat, möchte sie ihre Gründerpersönlichkeit weiterentwickeln: „Ein Gründer benötigt Mut, auch mal aus seiner Komfortzone herauszugehen, er muss Dinge anpacken und selbstbewusst für sein Thema einstehen, auch mal dafür kämpfen. Ich denke, dass ich mir da eine große Scheibe von den erfahrenen Mentorinnen abschneiden kann.“

Auf dem Weg in internationale Märkte

Während das Team von accu:rate seine Dienstleistungen bisher in der DACH-Region vertreibt, sieht Angelika Kneidl die Zukunft ihres Unternehmens auch außerhalb der europäischen Grenzen: „accu:rate soll sich zu einem starken Unternehmen entwickeln, in dem es Spaß macht zu arbeiten. Gleichzeitig sehe ich noch viel Potenzial für das Wachstum des Unternehmens – mein Ziel ist es, mit accu:rate in Zukunft auch international tätig zu sein und Kunden aus unterschiedlichen Ländern zu betreuen.“

Dr. Angelika Kneidl spricht über die Idee für Ihr Start-Up accu-rate

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