25.09.2014

Fun Facts

Von Lippenstift bis Robin Hood: Skurrile Konjunktur-Indikatoren

Was denken Sie, wenn eine Frau mit knallroten Lippen und einer dünnen Zeitung unter dem Arm in ein Taxi steigt? Wahrscheinlich nicht viel. Doch einige “Experten” meinen, anhand dieser Informationen den Verlauf der Wirtschaft vorhersagen zu können.  In unserer Reihe über Hintergrundwissen zu den wichtigsten Begriffen der Finanzwelt geht es in dieser Woche um den Konjunkturzyklus und die moderne Wahrsagerei, die ihn umgibt.

Eines sei gleich vorausgeschickt: Nicht alle Konjunkturindikatoren gehören in die Welt der Märchen und Mythen. So gibt es eine Vielzahl hochwissenschaftlicher und komplexer Marker, die das Auf und Ab von Aufschwung und Rezession anzeigen. Zu ihnen gehören beispielsweise die “Geldmenge M1″, die “Zinsstruktur” oder Wirtschaftsindikatoren wie der “ifo Geschäftsklimaindex” oder der “PMI Einkaufsmanager-Index”. Doch auch weitaus kuriosere Konjunkturindikatoren machen die Runde!

Vom schönen Schein der Korrelation

Einige von ihnen dürften die Konjunkturentwicklung genauso zuverlässig bestimmen, wie der sprichwörtliche Hahn das Wetter. Vorsicht soll angeblich bei vermehrtem Konsum von Abführmitteln und Schmerztabletten geboten sein, denn das soll auf eine Rezession hindeuten. Die Begründung: In wirtschaftlich schlechten Zeiten geraten Menschen unter Druck und mit ihnen ihr Kopf und Verdauungsapparat. Sie lieben Robin-Hood-Filme? Kommt ein neuer Streifen des Flitzebogen-Königs und seiner fidelen Mannen in die Kinos, so freuen sich zwar Cineasten, für die Wirtschaft war es in der Vergangenheit jedoch ein böses Omen. Auch Frauen mit Lippen in Kriegsbemalung sollten den aufmerksamen Anleger alarmieren: In wirtschaftlich schlechten Zeiten werden mehr Lippenstifte gekauft, denn farbig leuchtende Lippen sind ein kleines, aber erschwingliches Stückchen Luxus. Auch dünne Zeitungen sind kein Grund zur Freude. Denn je dünner die Zeitung, desto weniger Anzeigen hat der Verlag verkauft – und das deutet auf eine konjunkturelle Flaute hin. Freuen können sich die Anleger hingegen, wenn sie partout kein Taxi bekommen. Nur in Phasen wirtschaftlicher Prosperität sind die Fahrer ausgelastet!

Mehr als Kaffeesatzleserei?

Nicht alle dieser Indikatoren sind ganz von der Hand zu weisen. So hat zum Beispiel das renommierte Institut für Demoskopie Allensbach bis 1996 den “Minirock-Index” herausgegeben. Dieser Index basiert auf einer einfachen Beobachtung: Je kürzer der Rock, desto blühender die Ökonomie. Warum? Sind die Menschen knapp bei Kasse, wird nicht nur die Anlagestrategie konservativer, sondern auch die Mode. Nach Angaben des Instituts funktioniert der Zusammenhang unbewusst, lässt sich aber seit Anfang des 20. Jahrhunderts beobachten. In den vergangenen Jahren sorgte auch der “Wolkenkratzer-Index” des Ökonomen Andrew Lawrence für Schlagzeilen. Der intensive Bau besonders hoher Gebäude soll auf den Scheitelpunkt des Aufschwungs und einen drohenden Zusammenbruch der Wirtschaft hindeuten. Doch wie ernstzunehmend sind diese Indices wirklich? „Ich finde diese Indikatoren ebenso verblüffend wie charmant“, meint Kornelius Purps, Experte für Zinsanalyse bei der HypoVereinsbank. „Eine ernstzunehmende Basis für Anlageentscheidungen sollten sie natürlich nicht sein.“ Und mit einem verschmitzten Lächeln ergänzt er: „Aber die blinde Jagd der Anleger nach hohen Renditen muss wohl erst noch an Fahrt aufnehmen, ehe in Fonds investiert wird, deren Manager ihre Entscheidungen vom durchschnittlichen Rocksaumlevel abhängig machen …“

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