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Fußballweisheiten im Anlagemarkt

09.11.2012

So nützlich sind Fußballweisheiten

“Nicht ins blinde Messer laufen!” – wer Ratschläge von Profikickern beherzigt, besteht auch auf dem Anlagemarkt. Wie und warum, erklärt augenzwinkernd unser Gastautor Kornelius Purps.

Wer erinnert sich nicht an den legendären Ausraster nach dem Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen Island des damaligen Teamchefs der Fußball-Nationalmannschaft, Rudi Völler: “Diese Geschichte immer mit dem Tiefpunkt und noch mal einen Tiefpunkt und dann gibt’s noch mal einen niedrigeren Tiefpunkt – ich kann diesen <piieep> nicht mehr hören!” 0:0 hieß es seinerzeit nach 90 Minuten unweit des Eyjafjallajökull. Eine ähnliche Nullnummer begegnet uns derzeit auch an den Anlagemärkten. 0 Prozent Zinsen. “Das ist eine Deprimierung” (Zitat Andreas Möller). Fraglich ist, ob bereits ein Tiefpunkt erreicht ist oder ob es noch mal einen niedrigeren Tiefpunkt geben wird. „Wie so oft liegt auch hier die Mitte in der Wahrheit“ (noch einmal Rudi Völler).

Die Unsicherheit an den Finanzmärkten ist noch immer groß. “Zu 50 Prozent sind wir durch, aber die halbe Miete ist das noch lange nicht” (Rudi Völler zum Dritten). Als normaler Anleger muss man sich heute die Frage stellen: “Gehe ich einen Weg, einen schweren Weg, wie ihn ein konservativer Investor gehen muss, gehe ich den mit”, oder sag ich: “Mir egal” (frei nach Bruno Labbadia)? Wie geht es weiter? “Eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit: runter, seitwärts oder rauf” (frei nach Franz Beckenbauer).

Szenario 1: Zinsen fallen weiter

Was muss passieren, damit die Zinsen noch weiter zurückgehen und Collin Benjamin mit seinem Ausspruch “Das war der Tief-, Tief-, Tief-, Tief-, Tiefpunkt” mithin unrecht hat? Vorstellbar sind eine weitere konjunkturelle Abschwächung, deflationäre Tendenzen und wieder zunehmende Unsicherheit über den Ausgang der Schuldenkrise. Ich halte das aber für sehr unwahrscheinlich. Mit der Errichtung des Euro-Rettungsschirms ESM und der Ankündigung der Europäischen Zentralbank, gegebenenfalls unbegrenzt am Staatsanleihemarkt zu intervenieren, “sind die Karten neu gewürfelt” (Oliver Kahn). Die Extremrisiken für die Zukunft der Eurozone erscheinen eliminiert. Die Konjunktur läuft zwar schwach, ich sehe jedoch keinerlei Anzeichen für eine globale Rezession.

Szenario 2: Es geht seitwärts

Es ist durchaus vorstellbar, dass wir noch eine ganze Weile “im luftleeren Raum schwimmen” (Hannes Bongartz): durch schwaches Wachstum, verhaltene (überwiegend energiepreisgetriebene) Inflationsentwicklung und wiederholte Unsicherheitsschübe im Zuge der europäischen Schuldenkrise. Der Zinstiefpunkt würde in diesem Fall zu einer Tieflinie mutieren.

Szenario 3: Zinsen erholen sich

Die Anleger respektieren mehr und mehr die Reformanstrengungen in den Ländern und auf Ebene der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Die Unsicherheit nimmt ab. Zuversicht macht sich breit. Weniger Unsicherheit bedeutet größere Konjunkturzuversicht. Das Motto wäre das von Lothar Matthäus: “I do not look back, I look in front”. Die Safe-Haven-Prämie in Bundesanleihen wird allmählich ausgepreist, im Geldmarkt ziehen die Notierungen peu à peu an. Dies ist das von mir als am wahrscheinlichsten erachtete Szenario. Und es bedeutet: Es gibt keinen neuen Tiefpunkt in den Renditen. Schlecht für Kreditnehmer, gut für Anleger. “Jede Seite hat zwei Medaillen” (Mario Basler).

Aber wie verhalte ich mich als Anleger in diesem Umfeld richtig? “Geldanlage ist schließlich Ding, Dang, Dong; es gibt nicht nur Ding” (frei nach Giovanni Trapattoni). Und bis die Renditen wieder höher sind als die Inflationsrate, dürften noch einige Monate ins Land gehen. Lautet das Anlageziel “mindestens Kaufkrafterhalt”, sollten Anleger vorübergehend ein überschaubares Maß an Risiko eingehen, freilich ohne dabei “ins blinde Messer zu laufen” (Franz Beckenbauer). Die Aussicht, dass die Phase negativer Realzinsen nur vorübergehender Natur ist, sollte auch sehr konservative Anleger zu einem solchen Schritt bewegen. “Alles andere ist Schnulli-Bulli” (Werner Hansch).

Lesen Sie weitere interessante Beiträge zu Märkten und Trends im aktuellen onemarkets Magazin.

Zum Gastautor:
Kornelius Purps, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1999 im Team Economics & FX/FI Research der HypoVereinsbank. Seit Beginn seiner Tätigkeit bei der HVB zeichnet Purps für das tägliche Kommentieren der Marktentwicklungen verantwortlich. Derzeit verfasst Kornelius Purps den meistgelesenen deutschsprachigen Börsenbrief mit dem Schwerpunkt Zins- und Währungsmärkte.

  1. 18. November 2012, 0:20

    Hier gibt es einmal die „Overnight Impressionen“. Auch als Audio zum hören.

    http://thomas-hillebrand.de/?p=225

  2. Jürgen Kob
    14. November 2012, 13:43

    Ja der Herr Purps.
    Wahrlich ein Unikat, welches es perfekt versteht, Fakten mit Humor zu verbinden. Seine täglichen „Overnight Impressionen“ lassen bei mir einen leichten Suchtfaktor aufkommen…
    Ich kann jedem nur empfehlen, selbst süchtig danach zu werden, denn „lachen“ ist ja bekanntlich gesund!
    Grüsse aus der Schweiz.

    Jürgen Kob

  3. 14. November 2012, 5:55

    Ja, „Kornelius Purps“ steht über das UniCredit-Universum hinaus als Synonym für witzig aufbereitete Finanznachrichten.
    An Wochentagen (außer in den Ferien) gibt es für einen ausgewählten Mailverteiler seine sogenannten „Overnight Impressionen“. Dieser Newsletter ist eine Bereicherung für affine Personen von Finanzthemen
    Mein Vorschlag: Die UniCredit sollte Kornelius Purps hier in diesem Blog eine eigene Kategorie widmen, wo sein Newsletter jeden Tag erscheinen kann. Es wäre eine tolle Bereicherung für diesen Blog.

    In diesem Zusammenhang ein weiterer Verbesserungsvorschlag: Die Texte dieses Blogs sollten als Audiodatei (Podcast) zur Verfügung stehen. So haben Interessenten mit einer Augenkrankheit oder einer Lese- Rechtschreibschwäche auch die Möglichkeit interessante Informationen von der UniCredit Bank AG zu erfahren.

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