31.03.2016
Serie

Technische Analyse

Investment-Kompass fürs Börsenparkett

Vielen Einsteigern erscheint das Finanzmarktgeschehen wie ein undurchsichtiger Dschungel aus Kurven, Indizes und Zahlen. Dabei kann man sich schneller ein Grundverständnis erarbeiten, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Als eine Art Wegweiser hilft die Technische Analyse Anlegern dabei, eine Einschätzung über das Potenzial eines Investments zu treffen. Für Einsteiger kann diese Analysemethode vielfältige Möglichkeiten bieten, sich einen Überblick über die Entwicklungen auf den Kapitalmärkten zu verschaffen.

„Keep it simple stupid!“, lautet eine alt bewährte Börsenstrategie. In die Praxis übersetzt, kommt zunächst eine scheinbar einfache Formel heraus: Steigt ein Markt, sollten Anleger investieren. Geht er hingegen nach unten, gilt es, ein Engagement zu meiden beziehungsweise möglichst schnell aufzugeben. Klingt einleuchtend, oder? Ganz so einfach ist es aber leider nicht! Die Herausforderung beim Trading besteht ja gerade darin, markante Punkte zu erkennen, die einen voraussichtlich profitablen Ein- oder Ausstiegszeitpunkt signalisieren. Damit eine Investition nicht zur Lotterie gerät, sollten Anleger ihre Kauf- oder Verkaufsentscheidung auf eine wohldurchdachte Handelsstrategie stützen. Also ein ausgefeiltes Risikomanagement sowie eine sorgfältige Analyse des Marktgeschehens.

Zwei unterschiedliche Philosophien: Charttechnik vs. Fundamentalanalyse

An der Börse unterscheidet man zwei verschiedene Strategien, um das Potenzial von Finanzwerten zu untersuchen: Die Fundamentalanalyse und die Technische Analyse (auch Charttechnik oder Chartanalyse genannt). Beide Ansätze haben ihre Fürsprecher und Gegner. Trotz ihrer grundverschiedenen Herangehensweise verfolgen beide Methoden aber das gleiche Ziel: „Beide Ansätze versuchen, aus vorhandenen Daten Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung eines Wertpapiers zu ziehen“, erklärt Herbert Stocker, Technischer Analyst bei der HypoVereinsbank in München. „Keines der Analysetools kann eine Renditegarantie bieten. Aber sie helfen dabei, eine Investitionsentscheidung zu treffen.“ Fundamentalanalytiker untersuchen ausschließlich wirtschaftliche Kennzahlen, also etwa Unternehmens- und Brancheninformationen, Daten zur gesamtwirtschaftlichen Situation sowie zur aktuellen Marktlage, um den „fairen Wert“ einer Aktie, einer Währung oder eines Rohstoffs zu ermitteln. „Technische Analysten hingegen richten ihren Blick auf die Kurskurve eines Wertes (Chart) und versuchen, ihr Verhalten mit Hilfsmitteln wie Indikatoren, Theorien oder Studien zu interpretieren“, so Stocker. „Sie gehen davon aus, dass die vielen kursbildenden Faktoren niemals vollständig erfasst werden können und sich alle relevanten Informationen im aktuellen Kurs widerspiegeln.“

Zur Person

Herbert Stocker beschäftigt sich bereits seit 1979 mit der Chartanalyse, zunächst im Rahmen seiner Tätigkeit als aktiver Devisenhändler. Seit 1987 arbeitet er bei der HypoVereinsbank. Nach verschiedenen Stationen im Haus unterstützt er seit 1995 als Technischer Analyst im Bereich „Research“ Vertrieb und Kunden mit seiner langjährigen Markterfahrung sowie Chartanalysen zu Währungen, Zinsen und Rohstoffen.

Börsenkurse folgen Trends

Den Grundstein für die Chartanalyse legte übrigens Charles H. Dow, Herausgeber des Anleger-Magazins Wall Street Journal und Namensgeber des amerikanischen Leitindex Dow Jones, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach intensiven Analysen an der New Yorker Börse erkannte der Verleger, dass sich Aktienkurse in Trends bewegen und begründete die nach ihm benannte „Dow-Theorie“. Im Gegensatz zur Fundamentalanalyse stützt sich seine Annahme darauf, dass der Kurs eines Wertes nicht nur von wirtschaftlichen Faktoren, sondern ganz wesentlich auch von der Psychologie der Anleger bestimmt wird. Noch heute berufen sich viele Börsianer auf die Erkenntnisse von Dow und suchen in ihren Analysen nach bestimmten Chartformationen, etwa einer Trendwende oder einer Trendbestätigung, die in der Vergangenheit bestimmte Kursentwicklungen nach sich zogen. „In der Annahme, dass sich diese Verlaufsmuster wiederholen, ziehen sie diese sich wiederholenden Formationen nebst Indikatoren als Entscheidungshilfe heran“, weiß Stocker. Neben der Dow Theorie gibt es viele weitere Ansätze, um die Entwicklung an den Finanzmärkten zu interpretieren. Manch ein Trader verliert sich zum Beispiel in Elliott-Wellen, andere hingegen schwören auf Fibonacci-Zahlen.

Chartanalyse: Grafisch aufbereitete Wahrscheinlichkeitsrechnung

Sicherlich: Börsengurus wie Warren Buffet oder Max Otte schwören auf die Fundamentalanalyse, kritische Stimmen bezeichnen die Technische Analyse bisweilen sogar als Kaffeesatzleserei. „Die Berücksichtigung von Fundamentaldaten im Entscheidungsprozess ist durchaus sinnvoll“, weiß der Börsenexperte. „Wer aber einem Analyseansatz sucht, der der sich ständig verändernden globalen Weltwirtschaft mit ihren immer kürzeren Kurszyklen und einer Flut von Nachrichten und Gerüchten so weit wie möglich Rechnung trägt, kommt heutzutage meiner Meinung nach an der Chartanalyse nicht mehr vorbei.“ Im Kern ließe sich die Technische Analyse als eine Art grafisch aufbereitete Wahrscheinlichkeitsrechnung verstehen, ergänzt Stocker. „Gegenüber der Fundamentalanalyse bietet die Charttechnik den Vorteil, dass der Anleger jederzeit auf aktuelle Marktveränderungen reagieren kann. Dennoch ließen sich Rückschläge natürlich nicht ausschließen, mahnt der Analysespezialist. „Erstellte Aussagen bedürfen einer ständigen Überprüfung und Anpassung an die weitere Kursentwicklung.“

So verschaffen Sie sich einen ersten Überblick

Anders als zu Zeiten von Charles Dow, der sich mit Papier, Lineal und Bleistift an die Chartanalyse setzte, stehen Börsianern heute vielfältige Werkzeuge und Online-Tools zur Verfügung. Die Analysemethode eignet sich für Tagestrader ebenso wie für Investoren, die eine langfristige Geldanlage, zum Beispiel in Aktien oder Investmentfonds, tätigen wollen. Grundsätzlich kann sie für jeden Wert angewendet werden, sobald regelmäßige Kurse zur Verfügung stehen. Diese lassen sich auf vielen Trading-Plattformen oder Finanz-Portalen, zum Beispiel auf der Finanzmarktübersicht der HVB einsehen. „Der Zeithorizont eines Charts lässt sich variabel darstellen. Auf längerfristigen Abbildungen wie Tages- Wochen- Monats- oder auch Jahrescharts kann man wichtige Marken wie bisheriger Höchst- und Tiefstkurs, kurz- wie mittelfristige Trendverläufe und psychologische Verhaltensmuster der Marktteilnehmer ableiten“, weiß Stocker. Börsenneulingen empfiehlt der Experte, sich zunächst auf einen bekannten Wert wie den DAX zu konzentrieren und in einem Musterdepot zu üben. „So lassen sich die persönlichen Interpretationen und Strategien risikolos testen und mit Chartforen oder Marktberichten abgleichen.“ Letztendlich bliebe interessierten Einsteigern nichts anderes übrig, als sich „Learning-by-doing“ in das Thema einzuarbeiten, so Stocker. „Durch das breite Angebot an Informationen und Chartsystemen im Internet lässt sich aber relativ schnell ein gewisses Basiswissen erreichen.“

Widerstand, Unterstützung, Trendkanal: Im zweiten Teil unserer Serie „Technische Analyse für Einsteiger“ lernen Sie die Wegweiser der Charttechnik näher kennen.

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