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30.06.2016
Trend

Telemedizin

Telemedizin: Ärzte ohne Grenzen?

Hautbefunde erstellen, Schlaganfall-Patienten behandeln, operieren via Satellit: Mit Telemedizin können Ärzte medizinische Dienstleistungen erbringen, auch wenn sie von ihren Patienten räumlich und zeitlich getrennt sind. Doch die Skepsis gegenüber dieser Entwicklung ist groß. Zu Unrecht, sagt Dr. med. Siegfried Jedamzik. Der Geschäftsführer der Bayerischen TelemedAllianz über die Möglichkeiten der Telemedizin für Ärzte und Patienten.

Was in Dänemark so alles geht. Einfach im persönlichen Patienten-Account einloggen, Krankheitssymptome schildern und auf die Rückmeldung des Arztes warten. Anschließend die Behandlung besprechen und eventuell ein Rezept für eine Salbe bekommen, fertig. Funktioniert an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden. Es zahlt: der dänische Staat.

Dänemark macht’s vor

Siegfried Jedamzik ist von „sundhed.dk“ begeistert. Die dänische Plattform (auf Deutsch: „Gesundheit“) bietet per Internet medizinische Versorgung für alle Dänen an. Jedamziks Euphorie ist wenig verwunderlich, schließlich ist er Geschäftsführer der Bayerischen TelemedAllianz (BTA), die er 2012 mitgegründet hat. Aus seiner Sicht sind unsere dänischen Nachbarn ein Paradebeispiel dafür, wie eHealth auf staatlicher Ebene funktionieren kann. Weniger fortschrittlich sieht er die Situation in Deutschland, wofür es jedoch Gründe gebe. Jedamzik, selbst Mediziner, sagt: „Wir sind im deutschen Gesundheitswesen einfach sehr stark reguliert. Vom Staat, von der Selbstverwaltung, den Ärztegruppierungen.“

Hürde Fernbehandlungsverbot

Das deutsche System klammert sich nach Ansicht des Experten zu stark an den Gedanken, der Arzt müsse dem Patienten unbedingt immer gegenübersitzen. „Entsprechend können niedergelassene Ärzte nicht einfach eine virtuelle Sprechstunde anbieten. Das verhindert das sogenannte Fernbehandlungsverbot.“ Ärzte dürfen Patienten nicht ausschließlich über Telemedien beraten, sondern müssen sie auch unmittelbar sehen. So stehe es in Paragraph 7 der Berufsordnung, sagt Jedamzik. „Und wenn ich über unsere Landesgrenzen hinausschaue, sehe ich diesen Rechtsrahmen in keinem anderen Land so ausgeprägt wie bei uns. Dänemark und die baltischen Staaten machen es vor.“ Doch Jedamzik ist davon überzeugt, dass das Fernbehandlungsverbot schon bald gelockert wird. Nichtsdestotrotz ist er dafür, dass der Patient nicht ausschließlich über Telemedizin diagnostiziert und therapiert wird. Das unmittelbare Arzt-Patienten-Gespräch sei nicht in Gänze ersetzbar.

Was ist Telemedizin?

Dr. Siegfried Jedamzik definiert Telemedizin als „Erbringung einer Gesundheitsdienstleistung unter Zuhilfenahme von Kommunikations- und Informationstechnologien unter Überbrückung einer räumlichen oder auch zeitlichen Distanz zwischen Arzt, Therapeut und Patienten.“

„Wir vernetzen die Player“

Jedamzik spricht schnell, er ist begeistert von seiner Arbeit. „Wir sehen uns als landesweiten Ansprechpartner im Bereich Telemedizin und Gesundheitstelematik im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege.“  In diesem Rahmen initiieren und koordinieren Jedamzik und sein Team verschiedene Projekte: „Wir vernetzen die Player im Gesundheitswesen – ob das nun Kliniken, niedergelassene Ärzte, Apotheken, Hochschulen oder Firmen sind. Derzeit betreuen wir mehr als zwei Dutzend Projekte in ganz Bayern.“  Vor diesem Hintergrund hat die BTA kürzlich den 4. Bayerischen Tag der Telemedizin veranstaltet. Mit Unterstützung der HypoVereinsbank wurde unter anderem der Informationsaustausch über aktuelle telemedizinische Projekte und Anwendungen in diversen Roundtables und Vorträgen gefördert.

Rahmenvereinbarung der Krankenkassen

Auch die Bundespolitik hat die Zeichen der Zeit erkannt: In Kürze wird das eHealth-Gesetz umgesetzt. Dies wird die telemedizinischen Innovationen voranbringen. Und mit einen 300 Millionen Euro schweren Innovationsfonds sollen ganz speziell auch telemedizinische Projekte gefördert werden. In den Augen des TelemedAllianz-Chefs hat die Politik erkannt, dass Handlungsbedarf besteht: „Ich habe ganz große Hoffnung, dass das deutsche Gesundheitssystem die Lücke, die zu anderen Ländern besteht, jetzt schließen kann.“

Dennoch haben die Krankenkassen bislang noch nicht umgesetzt, was die Regierung ihnen per Versorgungsstrukturgesetz vorgeschrieben hat: In Kooperation mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) eine Liste von telemedizinischen Leistungen auszuarbeiten, welche künftig im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abgebildet werden soll. Beide Seiten konnten sich bisher nur auf eine „Rahmenvereinbarung“ einigen, die seit 2016 gilt. Ärzte können nun telemedizinische Leistungen teilweise und stark auf wenige Indikationen eingeschränkt nach dem EBM abrechnen. Ganz konkret nennt Jedamzik hier die Herzschrittmacherkontrolle. Sein Wunsch: „Dass wir mit der Weiterentwicklung des eHealth-Gesetzes gezielt diskrete Gebührenordnungsziffern bekommen, um telemedizinische Aktivitäten abrechnen zu können.“

Bayern Spitzenreiter bei Telemedizin

Was auf Bundesebene lahmt, läuft in Bayern umso besser: Der Freistaat ist ganz klar Vorreiter im Bereich der Telemedizin. Jedamzik muss es wissen, schließlich koordiniert er  die Projekte: „Der Bayerische Staat hat schon seit fünfzehn Jahren entsprechende Projekte gefördert“, sagt er anerkennend. „Da haben andere Bundesländer noch nichts gemacht und auch in Berlin ist relativ wenig passiert.“ Derzeit sind Jedamzik und seine Kollegen dabei, Krankenhäuser mit speziellen Schlaganfall-Stationen, sogenannten Stroke-Units, in ganz Bayern telemedizinisch voranzubringen. Via Video-Konferenz können vernetze Kliniken schnell und rund um die Uhr mit den Stroke-Units Kontakt aufnehmen. „Neurologen können sich beratschlagen und direkt mit Patienten oder Angehörigen kommunizieren.“ Jedamziks Ziel: Die Schlaganfallversorgung zusammen mit anderen Playern im gesamten Freistaat etablieren.

Telemedizin ist Spezialistensache – auch bei Finanzfragen

Vor mehr als 20 Jahren hat die HypoVereinsbank Finanzdienstleistungen für die Gesundheitswirtschaft zum Spezialistenthema gemacht. Dass sich die HVB auch im Bereich Telemedizin stark macht ist für Alexandra Peitz, Leiterin Heilberufe bei der HVB in München, nur konsequent: „Die Nachfrage nach innovativen Gesundheitsdienstleistungen und –produkten wird perspektivisch weiter wachsen.“ Für den unternehmerischen Erfolg sei dieser Trend allein jedoch nicht ausreichend, so die Expertin. „Aus unserer langjährigen Erfahrung heraus wissen wir: „Wer die Chancen im Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft nutzen will, braucht vor allem eine individuelle Strategie und eine klar erkennbare Positionierung.

Genau damit beschäftigt sich der „HVB Branchendialog Gesundheit“: Mit Potential, Positionierung und Profilentwicklung als wesentliche Erfolgsfaktoren im Gesundheitsmarkt auf Anbieterebene. Lesen Sie rein – hier geht’s zum Pdf.

Lassen Sie sich beraten!

Das Internet verändert den gesamten Gesundheitsmarkt und das Arzt-Patienten-Verhältnis tiefgreifend. Für Sie als niedergelassenen Arzt, Zahnarzt oder Apotheker bedeutet das eine klare Positionierung im Markt. Unsere Heilberufe-Spezialisten unterstützen Sie dabei gerne. Vereinbaren Sie einen persönlichen Beratungstermin.

Deutschland vor dynamischer Entwicklung

Zurück nach Dänemark und die Frage an Siegfried Jedamzik, ob das Modell Sundhet.dk auch hisichtlich Patientendaten und Transparenz in Deutschland denkbar ist? „Grundsätzlich haben ja alle Patienten in Deutschland das Recht, ihre medizinischen Daten zu erhalten, jedoch nur auf Anfrage in der behandelnden Klinik oder Praxis. Doch die Mehrheit macht keinen Gebrauch davon, weil sie es nicht weiß.“ Der Experte ergänzt, dass bei uns die Sorge um den Datenschutz schwerer wiege, als beim Nachbarn im Norden. Hinzukomme: Dänemark habe lediglich eine staatliche Krankenversicherung. In Deutschland stünden wir vor komplexen und zahlreichen Abstimmungsprozessen. Dennoch erwartet Jedamzik, dass sich die Telemedizin in Deutschland in den nächsten Jahren absolut dynamisch entwickeln wird: „Ich glaube, momentan läuft’s einfach.“

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