Frau tippt mit Zeigefinger auf Tabletcomputer.
24.11.2016
Interview

Venture-Capital-Investoren

„Geschäftsmodelle müssen skalierbar sein“

Bei manchen Finanzierungen und Beteiligungen in der Start-up-Szene kann es einem schon schwindlig werden – vor allem in den USA. Dort bewegen sich Investitionen in Start-ups oder frühe Übernahmen durch Globalplayer nicht selten im Millionen- oder gar Milliardenbereich. Aber wie kommen junge Unternehmen in Deutschland an die begehrten Venture-Capital-Töpfe? Welche Investoren sind überhaupt erreichbar und was erwarten sie von Gründern? Antworten auf diese und weitere Fragen lesen Sie im 2. Teil unseres Gesprächs mit BayStartup-Geschäftsführer Carsten Rudolph.

Herr Rudolph, wie wichtig sind Business Angel und institutionelle Investoren heutzutage für die Start-up-Landschaft in Deutschland?

Venture-Capital-Investoren und Business Angels sind sehr wichtig für Start-ups, denn alle Gründer brauchen Geld. Bereits seit über 30 Jahren sind private und institutionelle Investoren die klassischen Kapitalgeber für Start-ups in Deutschland. In den letzten Jahren beobachten wir, dass die Bedeutung von Business Angels kontinuierlich wächst. Im Oktober haben wir im BayStartup-Finanzierungsnetzwerk Bilanz gezogen für das Geschäftsjahr 2016: Von über 68 Millionen Euro Seed- und Wachstumskapital, das wir im vergangenen Geschäftsjahr an junge Unternehmen vermittelt haben, kamen über 30 Millionen von Business Angels und Family Offices. Insgesamt waren in 60 Prozent dieser Finanzierungsrunden Privatinvestoren beteiligt.

Warum ist das so?

Für Start-ups ist dieses Kapital gerade in der frühen Phase interessant, besonders wenn der Business Angel sein Know-how und seine Kontakte einbringt. Viele Angels sind heute selbst noch relativ junge, erfolgreiche Unternehmer, die mit ihrem eigenen Unternehmen frühzeitig einen erfolgreichen Exit realisiert haben. Oder auch mittelständische Unternehmer, die privat investieren, aber neben ihrer persönlichen Expertise auch Ressourcen ihres Unternehmens einbringen. Auf Seiten der Privatinvestoren sehen wir kontinuierlich steigendes Interesse an Investments in Start-ups. Es spricht sich herum, dass diese Beteiligungen sehr, sehr spannend sind, trotz des damit verbundenen hohen Risikos.

BayStartup vermittelt Start-ups in Bayern Kontakt zu über 250 Business Angels und 100 institutionellen Investoren. Welche Vorteile ergeben sich dadurch für Geldgeber?

In erster Linie schaffen wir für die Investoren einen sehr attraktiven und qualitativ sehr hochwertigen Deal-flow über das ganze Jahr hinweg. Wir sehen pro Jahr mehrere hundert Start-ups, die wir durch verschiedene Unterstützungsangebote betreuen und so auf die Gespräche vorbereiten. Gerade im High-Tech Bereich sind darunter einige sehr potenzialträchtige Gründungen, die in der Start-up-Szene aber noch weitgehend unbekannt sind, sprich ohne uns unter dem Radar der Investoren fliegen würden. Hier finden wir auch zahlreiche „ungeschliffene Diamanten“. Um das Matching so effizient wie möglich zu machen, halten wir engen Kontakt zu den gelisteten Investoren und kennen ihren Investment-Fokus, ihr aktuelles Portfolio und mögliche weitere Interessen. Gerade für Business Angels ist die Vernetzung untereinander und mit anderen Investoren eine wichtige Perspektive – für mögliche Co-Investments genauso wie für einen authentischen Erfahrungsaustausch. Auch dies leisten wir auf unseren exklusiven Angelmeetings, die „by invitation only“ sind. Außerdem unterstützen wir durch ein eigenes Akademie-Format unerfahrene Business Angels dabei, sich in die Start-up-Welt einzuarbeiten und sich ebenfalls besser vorzubereiten.

Welche Kapitalausstattung sollten Investoren und Gründer mitbringen?

Der Kapitalbedarf der Gründungsunternehmen ist sehr unterschiedlich und reicht von wenigen 100.000 Euro bis in den Millionenbereich. Unter einem Betrag von 100.000 Euro raten wir eher davon ab, externe Finanzierungen im Eigenkapitalbereich zu suchen, da die Transaktionsaufwendungen einfach zu hoch sind.

Die notwendige Kapitalausstattung als Business Angel bzw. Privatinvestor hängt stark von seiner oder ihrer persönlichen Risikobereitschaft ab, denn man sollte nur dann investieren, wenn man sich des Risikos eines Totalverlustes bei jedem einzelnen Start-up bewusst ist. Daher raten wir auch sehr branchenerfahrenen Investoren, sich mittelfristig ein Portfolio von 8 bis 10 Investments aufzubauen. Die Einzelbeträge aufsummiert ergeben dann die notwendige Ausstattung, die nur den Teil des Vermögens umfassen sollte, der für besondere Renditen vorgesehen ist, für den es aber keinen bestimmten Zeitpunkt gibt, wann es wieder liquide sein sollte. Eine weitere Möglichkeit zur Risikostreuung für Investoren ist die Syndizierung mit anderen Business Angels oder öffentlichen Investoren, das heißt, das gemeinsame Investment.

Die persönliche Kapitalausstattung der Gründer spielt eine eher untergeordnete Rolle. Hier müssen sich Gründer nur bewusst sein, dass das von Investoren oft eingeforderte Gründer-Investment im gesunden Verhältnis zum aufgebauten Vermögen des Gründers selbst stehen sollte. Von einem erfahrenen Industriemanager, der jahrelang sechsstellig verdient hat, werden Investoren normalerweise ein höheres „ins Risiko gehen“ erwarten als von Hochschul-Absolventen.

Erläutern Sie das Matching zwischen Gründern und Investoren

Es gibt verschiedene, parallel laufende Kanäle. Wir veranstalten zum einen etwa alle vier Wochen Business Angel-Treffen in einem kleinen Kreis, zu dem nur gelistete Angels und drei finanzierungsbereite Start-ups eingeladen werden. Dreimal im Jahr gibt es die Venture Conferences, mit circa 60 Business Angels und institutionellen Investoren zur Vorstellung von zehn sorgsam ausgewählten Start-ups. Kontinuierlich informieren wir Investoren ganz persönlich über Start-ups, die für sie interessant sein könnten und die wir im Finanzierungscoaching soweit vorbereitet haben, dass der Investor eine sinnvolle Einschätzung treffen kann.

Auf welche Branchen konzentriert sich BayStartup bei der Zusammenführung?

Grundsätzlich unterstützen wir alle innovativen Start-ups, wir sind komplett branchenoffen –  allerdings kommt die Mehrheit momentan aus den Bereichen IT, Digitalisierung und Industrie 4.0. Elektronik, Medizintechnik und Energie ergänzen dies. Biotech-Unternehmen sehen wir deutlich seltener als noch vor 10 Jahren, hier wäre noch Potenzial. Außerdem gibt es viele einzelne sehr ungewöhnliche Start-ups, die in kaum ein Segment passen, wie Lifestyle Start-ups mit Wearables, Apps oder auch neuen Food-Produkten wie Grillsaucen oder Getränken, die unsere Investoren interessant finden. Insgesamt spiegelt unser Finanzierungsnetzwerk den B2B-Schwerpunkt der bayerischen Gründerszene wider.

Wann lohnt es sich für ein Start-up mit Kapitalbedarf, auf BayStartup zuzugehen?

Wenn das grundlegende Wachstumspotential groß genug, das Geschäftsmodell skalierbar und internationalisierbar ist. Ausnahmen gibt es, wenn wir von einzelnen Business Angels besondere Vorlieben für Projekte kennen, in das er oder sie eher aus privater Begeisterung investieren würde. Es lohnt sich aber auch für einzelne Social-Entrepreneurship-Start-ups, für die wir aktiv sind. Ansonsten setzen wir eine erste fundierte Businessplanung voraus und damit eine Vorstellung vom ungefähren Kapitalbedarf. Im Finanzierungsnetzwerk bilden wir die Ansprüche der Investoren ab – unsere anderen Unterstützungsangebote, wie die Businessplan Wettbewerbe, richten sich an eine breitere Bandbreite von Start-ups.

Wie können Gründer einen Venture-Capital-Fonds von sich überzeugen?

Neben den grundlegenden Voraussetzungen wie Wachstums- und Erfolgsaussichten, spielt die Art der Ansprache und Präsentation eine wichtige Rolle. Gerade Venture-Capital-Investment-Manager erhalten ungefragt eine ganze Flut von Businessplänen und Pitchdecks. Mit einer qualifizierten Vorstellung, wie wir bei BayStartup sie bieten, hat man schon ein anderes Standing. Das Gründerteam als Personen und wie analytisch und trotzdem visonär, wie erfahren und überzeugend sie gemeinsam sind, ist ein weiterer wichtiger Faktor. Deshalb sollten Gründer auch schon früh Strategien entwickeln, wie sie alle wichtigen Team-Mitglieder zusammenhalten.

Was sind für Sie klassische Erfolgsfaktoren bei Gründern?

Das Geschäftsmodell muss wirklich gut durchdacht sein. Gibt es einen echten Bedarf für mein Angebot? Wie relevant ist der Nutzen, den ich für meinen Kunden schaffe und gibt es auch eine Zahlungsbereitschaft? Wer nutzt das Produkt beim Kunden, wer entscheidet über den Kauf? Das sind klassische Fragen des Businessplannings. Schnelligkeit, beim Businessplanning genauso wie bei der Produktentwicklung, ist wichtig. Genauso wie eine klare Ausrichtung und ein gut eingespieltes Gründerteam, das verschiedene Qualitäten abdeckt, aber durch ein ähnliches Mindset am gleichen Strang zieht. Dann natürlich eine hohe Motivation, Belastbarkeit, Durchhaltewillen und die richtige Balance aus Eigensinn und Kritikfähigkeit. Auch Hightech-Start-ups können nicht im Elfenbeinturm vor sich „hinentwickeln“, sondern sie müssen frühzeitig raus zu potenziellen Anwendern und Kunden, um deren Feedback kontinuierlich miteinzubeziehen.

Welche Faktoren entscheiden auf Investorenseite darüber, ob sie in ein Start-up investieren oder lieber die Finger davon lassen?

Vor allem geht es um schnelle Wachstumsaussichten und die allgemeinen Erfolgschancen. Natürlich müssen gerade Venture-Capital-Investoren auch eine Vorstellung von einem lohnenswerten Exit in ein paar Jahren haben. Wenn das alles passt, geht es auch um die Frage, ob im Venture-Capital-Portfolio bereits in ein ähnliches Start-up investiert wurde. Das ist auch für Start-ups wichtig zu wissen. Bei Hightech-Start-ups ist es eine wichtige Frage, wem die IP gehört – dem ganzen Gründerteam, einzelnen oder gar nur am Rande beteiligten Personen? Dann muss das Start-up zeigen, dass es gut mit den Investoren zusammenarbeiten kann, sprich Transparenz schafft, Zahlen und Reportings bereit hält und offen ist für Kritik oder Verbesserungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

back to top