Nächster Artikel: Fakten über FATCA

Energiewirtschaft

06.02.2014

Fracking: Heilsbringer der US-Industrie?

Seit einigen Jahren werden in den USA mittels Fracking, also dem Aufbrechen von Gestein durch Wasser und Chemikalien, große Mengen an Schieferöl und -gas erschlossen. Doch der Energieboom könnte dem Verarbeitenden Gewerbe in den USA langfristig sogar mehr schaden als helfen, meint unser US-Chefökonom Harm Bandholz.

The US economy is back! Zumindest die Wachstumsraten der weltgrößten Volkswirtschaft stimmen wieder zuversichtlich. Ein Blick unter die Oberfläche zeigt allerdings, dass der Großteil der Expansion erneut vom privaten Konsum getragen wird. Die Investitionsausgaben der Unternehmen steigen dagegen kaum an. Sie liegen auch mehr als vier Jahre nach dem offiziellen Ende der Rezession noch immer unter dem zyklischen Hoch von Anfang 2008. Dazu passt, dass der Wertschöpfungsanteil der Industrie seit den vergangenen fünf Jahren unter 12% stagniert und der Beschäftigungsanteil des Verarbeitenden Gewerbes 2013 sogar ein neues Allzeittief von 8,8% markiert hat. Doch das wird sich alles bald ändern – hört man. Der Hoffnungsträger in diesem Zusammenhang heißt “Shale Gas“ – ein Schiefergas, das durch niedrige Energiepreise dem Standort USA über Jahrzehnte hinweg einen Wettbewerbsvorteil garantieren soll.

Beeindruckende Zahlen

Nach Angaben der amerikanischen Energiebehörde EIA erhöhen Schiefergasvorkommen die gesamten Gasvorkommen in den USA um 38%. Hinzu kommt als Nebenprodukt Schieferöl, das die Ölvorkommen um 35% steigert. Das ist genug für die kommenden knapp 100 Jahre. Ein wesentlicher Effekt des Energiebooms sind die vergleichsweise niedrigen Erdgaspreise in den USA. Sie betragen etwa 40% der Preise in Westeuropa und sogar nur 25% der Preise in Japan und Korea. Das – so die Hoffnung – sollte der hiesigen Industrie doch einen immensen Wettbewerbsvorteil einbringen und den Investitionsstandort USA wieder attraktiv machen. Ich bleibe skeptisch. Aber der Reihe nach.

Chemische Industrie freut sich, gesamtwirtschaftlicher Erfolg bleibt gering

Es steht außer Frage, dass die Förderung von Schieferöl und -gas die USA für energieintensive Industrien attraktiver macht. Den Unternehmen geht es dabei nicht nur um niedrige Preise, sondern auch um Versorgungssicherheit. Beides sollte für die kommenden Dekaden garantiert sein. Der wichtigste Nutznießer dürfte wohl die chemische Industrie sein, auf die etwa ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs im Verarbeitenden Gewerbe entfällt. Eine aktuelle Studie der US-Notenbank kommt zu dem Ergebnis, dass in energieintensiven Bereichen deutlich niedrigere Energiepreise kräftigere Anstiege von Produktion und Beschäftigung nach sich ziehen sollten. Diesselbe Studie suggeriert allerdings auch, dass der Effekt auf andere Industrien kaum merklich ist. Zu diesen weniger energieintensiven Sektoren zählen unter anderem der Maschinenbau, die Elektroindustrie oder der Flug- und Fahrzeugbau. Das sind genau die Industrien mit der höchsten Wertschöpfung, die zum Beispiel das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft bilden. Auch das angesehene Bruegel Institut kommt zu dem Erbgebnis, dass unterschiedliche Energiepreise lediglich die Zusammensetzung der Produktion beeinflussen. Die Produktionsleistung des Verarbeitenden Gewerbes insgesamt ändert sich dagegen nicht.

Preisunterschiede werden kleiner, nicht größer

Freilich können diese Studien den langfristigen Einfluss der niedrigen Energiepreise unterschätzen. Dem möchte ich allerdings entgegenhalten, dass der Preisunterschied zwischen den USA und Europa in den kommenden Jahren schrumpfen wird. Ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang ist der bevorstehende Energiehandel. Sobald die USA die Infrastruktur, Pipelines und Exportterminals für Flüssiggas errichtet haben, sind sie in der Lage, ihr Gas zu exportieren. Das erhöht tendenziell die Preise in den USA und verringert sie im Rest der Welt. Die vermehrte Ansiedlung energieintensiver Industrien und die zunehmende Umstellung anderer Sektoren auf Erdgas wird zusätzlichen Druck auf die Preise in den USA ausüben. Zudem sprechen nach Schätzungen der EIA allein steigende Produktionskosten für eine Verdopplung der US-Gaspreise in den kommenden Dekaden.

Der Ball liegt bei der US-Fiskalpolitik

Überspritzt könnte man sogar sagen, dass der Energieboom dem Verarbeitenden Gewerbe in den USA langfristig mehr schadet als hilft. Denn im Moment sieht es so aus, als ob die Hoffnung auf den Heilsbringer ‘niedrige Gaspreise’ notwendige fiskalpolitische Maßnahmen noch weiter verzögert. dazu zählen ganz grundsätzliche Investitionen in Infrastruktur, eine Unternehmenssteuerreform sowie die Überholung des Bildungssektors. Letztere ist meines Erachtens besonders wichtig. Denn nur durch eine allgemeine Verbesserung der breiten Bildung wird es auf Dauer genug qualifizierte Fachkräfte geben, um die hochwertigen Produkte zu fertigen, die wiederrum das überdurchschnittlich hohe Lohnniveau in den USA rechtfertigen. Langfristig betrachtet ist die Qualifikation von Facharbeitern aus meiner Sicht sogar wichtiger als niedrige Energiepreise. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich der Gasboom nach seiner ersten Party nicht irgendwann als Boomerang erweist.

Zum Gastautor

Harm Bandholz, Jahrgang 1975, ist seit 2005 Volkswirt bei der HypoVereinsbank. Seit 2010 ist der gebürtige Hamburger US-Chefökonom der UniCredit Group. Der Vater dreier Kinder lebt mit seiner Familie im Bundesstaat New York.

  1. Carsten Schmidt
    24. Oktober 2014, 17:00

    Hallo Herbert,
    vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Einbeziehung dieses Zusammenhangs in die Betrachtung des Themas ist in der Tat ein wichtiger Punkt. Ihre Anmerkung habe ich deshalb an den Kollegen Harm Bandholz weitergeleitet.
    Viele Grüße, Carsten Schmidt

  2. Herbert
    23. Oktober 2014, 11:39

    Ich vermisse im Kommentar eines Volkswirtes die Einbeziehung möglicher langfristiger volkswirtschaftlicher Schäden aufgrund der unkontrollierbaren ökologischen Risiken.

  3. Carsten Schmidt
    12. März 2014, 16:38

    Hallo Nico,

    auch wir wollen natürlich kein brennendes Grundwasser trinken. Deshalb vielen Dank für Ihren Kommentar und den Verweis auf die möglichen geologischen Auswirkungen der Frackingtechnologie auf die Beschaffenheit des Grundwassers. Definitiv ein wichtiger Punkt, der neben der ökonomischen Debatte nicht außer acht gelassen werden sollte.

    Viele Grüße,
    Carsten Schmidt

  4. Nico
    7. Februar 2014, 7:51

    Damit wir dann alle kein Grundwasser mehr haben? Nein danke! Das beste Grundwasser ist hier und das wegen wenig Energy kaputt machen? Es ist total unrentabel wenn man sich die Schäden anschaut! Wer will brennendes Wasser trinken? Ich glaube niemand!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

back to top